Arbeiterrat und Soldatenrat nach dem Ersten Weltkrieg in Bad Reichenhall

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Sebastian Stolz 1876-1963
Georg Hausmann 1868-1941
Alois Klotz 1870-1939

Ende der Monarchie 1918 - Auswirkungen in Bad Reichenhall


Übergang vom kommunalen Zweikammersystem über den Volksrat zu einem neuen Stadtrat

Im November 1918 war Deutschland mit seinen Kräften am Ende und musste, um den I. Weltkrieg zu beenden, bei seinen Gegnern um Waffenstillstand ansuchen. In Deutschland stürzten die Regierungen und die Monarchien, revolutionäre Unruhen und die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten waren die Folge. Der Systemwechsel geschah nicht immer gewaltfrei, bereits im Dezember kam es in Berlin zu Gewaltexzessen durch das Militär.

In Bad Reichenhall lief der Übergang zur parlamentarischen Demokratie unter Mitwirkung aller politischen Kräfte ruhiger ab als an vielen anderen Orten. Mit der Entspannung der Lage trat die Zusammenarbeit zwischen bürgerlichen und linken Kräften wieder in den Hintergrund. Bereits bei der Wahl zum neuen Landtag im Januar 1919 bestimmten die unterschiedlichen politischen Positionen zwangsläufig wieder die Auseinandersetzungen.


Ereignisse in München

Mit einer revolutionären Aktion wurde am 7. / 8. November 1918 die alte Ordnung der Monarchie in München als erste in Deutschland unblutig und vergleichsweise friedlich gestürzt. Der USPD- Vorsitzende Kurt Eisner rief den "Freistaat Bayern" aus und erklärte die Monarchie für beendet. Sein politischer Gegner, der SPD Vorsitzende Erhard Auer, wurde davon überrascht. Die königliche Ministerialbürokratie schaute tatenlos zu. Daraufhin war Auer bereit, in eine provisorische Regierung mit einem Ministerpräsidenten Eisner einzutreten.


Bildung des Arbeiterrates und Volksrates in Bad Reichenhall

Obwohl in Bad Reichenhall kein großes revolutionäres Potential vorhanden war, wurde bereits zwei Tage nach dem Umsturz in München ein Arbeiter- und Volksrat gegründet. Im Gegensatz zu München gab es in der Bad Reichenhaller Arbeiterschaft wenig Neigung für eine Revolution. Die USPD hatte in Bad Reichenhall nur wenige Anhänger und keine Organisationsstruktur. Die SPD - Mitglieder, Arbeitersekretär Sebastian Stolz und Gewerkschaftssekretär Georg Hausmann, beherrschten die Lage. Stolz hatte erklärt, die Interessen der Arbeiter könnten nur auf dem Wege des Rechts durchgesetzt werden.

Einziger Herd der Unruhe hätten die Soldaten der Lazarette werden können; deren Sinn stand jedoch mehr auf Wiederherstellung ihrer Gesundheit und ausreichender Versorgung mit Lebensmitteln. Die Soldaten hatten bereits am Freitag, den 8. November, nachdem die Nachrichten aus München eingetroffen waren, spontan einen provisorischen Soldatenrat mit sieben Mitgliedern eingesetzt. Vereinzelt kam es zu Auseinandersetzungen wegen der militärischen Disziplin. So verweigerten einzelne Soldaten die Grußpflicht gegenüber den Offizieren oder sie verlangten die Ablegung der schwarz-weiß-roten Reichskokarde und der militärischen Rangabzeichen. Die weiß-blaue bayerische Kokarde konnte beibehalten werden; damit trat die Gegnerschaft zur preußischen Militärführung durch die Soldaten deutlich hervor. In den Auseinandersetzungen zwischen den Militärangehörigen am Ort vermittelten Sebastian Stolz und Georg Hausmann.

Die schnelle Bildung eines Volksrates, kurz nach dem Umsturz in München, war zu einem guten Teil dem Zufall geschuldet: Die Bad Reichenhaller SPD hatte bereits vor dem Umsturz eine öffentliche Versammlung für Samstag den 9. November angekündigt. Die Einladung erging an alle Arbeiter, Bürger und Bauern. Redner sollte der SPD- Landtagsabgeordnete Ludwig Renner aus Augsburg sein. Renner konnte jedoch wegen des mittlerweile eingeschränkten Bahnverkehrs nicht nach Bad Reichenhall anreisen. Die Versammlung in der Blaue Traube stieß wegen der allgemeinen unsicheren politischen Lage, auf großes Interesse. An Stelle des Abgeordneten Renner sprang Sebastian Stolz als Redner ein. Er gab Ludendorff die Schuld am Zusammenbruch Deutschlands. Bayern habe sich an die Spitze der großen Befreiungsbewegung gestellt. An dem Werk der Befreiung müsse das gesamte Volk mithelfen; jede Unbesonnenheit, jede Friedensstörung sei Verrat, so der Redner.

Aus der Versammlung heraus wurde sodann die Konstituierung des Volksrats eingeleitet. Der Volksrat sollte die Regierungsgewalt übernehmen, politische und soziale Reformen einleiten und die Lebensmittelversorgung übernehmen. Die anwesenden Stadtvertreter nahmen die Forderungen entgegen. Unter Mitwirkung der bürgerlichen Vertreter wurde dann der Volksrat Bad Reichenhall durch Zuruf gewählt. Zuvor hatte es offenbar Absprachen gegeben. Der Magistrat und die Gemeindebevollmächtigen hatten in einer kurzfristig einberufenen Ausschusssitzung offensichtlich beschlossen, das politische Handeln nicht nur dem Soldaten- und Arbeiterrat zu überlassen, sondern mit der Bildung eines Bürgerrates das Rätesystem zu einem Volksrat auszuweiten. Später sollten noch ein Bauernrat und ein Beamtenrat folgen.

Zeitpunkt, Ort und Ablauf der Gründung des Volksrates erklären, warum in einem Gremium, bei dem die Bürgerlichen in der Mehrheit waren, der Vorsitzende des Arbeiterrates Sebastian Stolz zum Gesamtvorsitzenden gewählt wurde und der amtierende Bürgermeister zu seinem Stellvertreter. Die bürgerlichen Kräfte in Bad Reichenhall waren weit weniger gelähmt als die Ministerialbürokratie in München.

Mit der Gründung einer Ortsgruppe der Bayerischen Volkspartei am 29.November 1918 hatten sie drei Wochen später ihre volle Handlungsfähigkeit wiedergewonnen. Alois Klotz wurde zum Vorsitzenden der BVP gewählt, er blieb es bis 1933. Bereits am Sonntag den 10. November 1918 wurden für den Soldatenrat, Arbeiterrat und Volksrat die Vorsitzenden gewählt. Für die Wahl eines Bauernrats wurden weitere Schritte vorgesehen. Später wurden noch drei Beamtenvertreter dem Volksrat zugeordnet. In einer gemeinsamen Großanzeige in der Lokalzeitung forderten alle politischen Kräfte - Bürgermeister, Magistrat, Arbeiterrat, Soldatenrat und die Presse - die Bürger auf, Besonnenheit, Ruhe und Ordnung zu wahren.


Forderungen des Soldatenrates

Der Soldatenrat bestand aus 14 Mitgliedern. Die Hauptforderungen des Soldatenrates lauteten:

1. Die Abnahme sämtlicher reichsdeutscher Kokarden. Abschaffung der Grußpflicht.

2. Ablieferung der Waffen und Munition der Zivilbevölkerung an den Soldatenrat.

3. Unbedingte Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung.

4. Weiterbehandlung der Patienten durch Militärärzte.

5. Gleichstellung der Beköstigung zwischen Offizieren und Mannschaften.

6. Bekämpfung der Wucherpreise, des Schleichhandels und der Großhamsterei.

Der Soldatenrat wurde mit dem Garnisonskommando bereits am 8. Februar 1919 wieder aufgelöst. An die Stelle des Soldatenrates trat ein verkleinerter Lazarettrat.


Der Volksrat bestand aus Arbeiterrat und Bürgerrat

Den Arbeiterrat bildeten sechs Mitglieder, darunter die beiden Gemeindebevollmächtigen Sebastian Stolz als Vorsitzender und Franz Maier. Vorsitzender des Bürgerrats, bestehend aus neun Mitgliedern, war Bürgermeister Fritz Söllner. Unter den Bürgervertretern waren drei Magistratsräte und drei Gemeindebevollmächtigte. Vorläufig zugeordnet wurden noch drei Beamtenvertreter und zwei Bauernvertreter. Unabhängig vom Volksrat bestanden Magistrat und Gemeindekollegium bis zur Wahl des neuen Stadtrats im Juni 1919 weiter. Der Volksrat konnte keine direkten Weisungen an Behörden oder Polizei erteilen, das war nur mittelbar über den Magistrat oder das Bezirksamt möglich, obwohl der Soldatenrat und der Arbeiterrat die Kontrolle der Behörden durch ihre Gremien mehrfach forderten. Bereits die Regierung Eisner hatte die weitere Zuständigkeit der Behörden verfügt und den direkten Eingriff der Volksräte untersagt. Mit den Wahlen zum Landtag und zur Nationalversammlung im Januar 1919 war der Weg zur parlamentarischen Demokratie eingeleitet. Kommunalwahlen sollten bereits im Mai stattfinden. In Folge der zweiten Revolution wurden in ganz Bayern die Arbeiterräte neu gewählt. Auch hatten Bürgermeister und Magistratsräte inzwischen erkannt, dass die Entscheidungskompetenzen bis zur Stadtratswahl weiterhin bei ihren Gremien verblieben waren und die Mitarbeit in einem großen Volksrat eher überflüssig wurde.


Der neue erweiterte Arbeiterrat oder verkleinerte Volksrat

Am 1. März 1919 wurde ein neuer Arbeiterrat mit 12 Mitgliedern gebildet, darunter drei Beamtenvertreter, die auch der Bayerischen Volkspartei angehörten. Sebastian Stolz, weiterhin Vorsitzender, sprach die zukünftigen Aufgaben an: Die Arbeiterräte sollten die Sicherstellung der Ernährung überwachen, die Lebensmittelverteilung kontrollieren und den "Schleichhandel" eindämmen. Monarchische und gegenrevolutionäre Bestrebungen sollten bekämpft werden. Es komme nicht darauf an, missliebige Personen zu entfernen, sondern es sei praktische Arbeit zu leisten, es gelte aufzubauen und nicht niederzureißen, erklärte Stolz weiter. Nachdem Stolz im Juni zum Stadtrat gewählt wurde, legte er den Vorsitz beim Arbeiterrat nieder. Neuer Vorsitzender wurde der Installateur Rudolf Knopp.


USPD - Gründung

Bei den Wahlen im Januar hatte die USPD in Bad Reichenhall nur eine Stimme erhalten. Auch im gesamten Land Bayern haben sich die Erwartungen der USPD nicht erfüllt. Die USPD hatte Schwierigkeiten die Mehrheitsentscheidung der Wähler zu akzeptieren. Statt auf die parlamentarische Demokratie setzten sie nun mehr auf eine Räteregierung. Die Ermordung Kurt Eisners durch Graf Arco hatte dann einen Schub der Radikalisierung ausgelöst. Arbeitslosigkeit und Inflation ließen die Zustimmung zur USPD ansteigen. Der Pragmatismus des SPD geführten Arbeiterrates missfiel offenbar einigen revolutionären Kräften: So gründete Jakob Freundshuber mit 15 weiteren Genossen am 28. April 1919 eine USPD - Ortsgruppe in Bad Reichenhall. Er protestierte gegen den Arbeiterrat und erklärte das kommunistische Manifest zum Programm der USPD. Weiter erklärte Freundshuber, im Gegensatz zum Arbeiterrat stünde die USPD nicht hinter der gewählten Regierung Hoffmann in Bamberg, sondern sie unterstütze die Räteregierung in München. Wenig überzeugend war, dass die USPD zwei Wochen zuvor das Gegenteil vertreten hatte und nach dem Sturz der Räteregierung wieder für die Regierung Hoffmann eintrat. Die USPD - Ortsgruppe in Bad Reichenhall war trotz starker Aktivitäten nicht von langer Dauer.


Bauernrat

Ein Bauernrat, wie beabsichtigt, kam für Bad Reichenhall nicht zustande. Sebastian Stolz wurde jedoch am 30. Dezember 1918 für Bad Reichenhall mit Sebastian Leitner (Niederbergerbauer) und Georg Fuchs (Thomabauer) aus Karlstein in den Distriktsbauernrat gewählt. Die gesicherte Milchversorgung für die Stadt war auch für den Arbeitersekretär von zentraler Bedeutung. Der Milchstreik und der Streit mit den Marzoller Bauern beschäftigte Arbeiterrat und Distriktsbauernrat in der Folge mehrfach.


Volkswehr / Einwohnerwehr

Nach der Niederschlagung der Räteregierung in München am 3. Mai 1919 regte die Regierung Hoffmann zur Verbesserung der inneren Sicherheit die Bildung von Einwohnerwehren an. Vom Generalkommando des Militärs wurde für Bad Reichenhall der ortsansässige Major Max Gemmingen Freiherr von Massenbach beauftragt, die Einwohnerwehr zu führen. Die Greueltaten von Roten wie Weißen Garden in München hatten das Misstrauen zwischen bürgerlichen und linken Kräften weiter anwachsen lassen. Die Bürgerlichen fürchteten die Entstehung einer bewaffneten Arbeitermiliz, wollten andererseits aber nicht selbst vermehrt in die Einwohnerwehr eintreten, sondern schlugen die Bauern als Verstärkung der Einwohnerwehr vor. Der Bauernvertreter Potschacher führte dagegen an, die Bauern hätten dafür keine Zeit, denn sie müssten sich um die Feldarbeit kümmern; vielmehr solle man Soldaten in Zivilkleidung dafür heranziehen. Die Arbeiter fürchteten die Entstehung einer rechts gerichteten Weißen Garde. Um diesen Befürchtungen zu begegnen, erklärte von Massenbach in Inseraten und Versammlungen, die Einwohnerwehr diene nur der Sicherheit der Bürger und sei keineswegs als Weiße Garde zu sehen. In einer turbulenten Arbeiterversammlung einigte sich von Massenbach mit den Teilnehmern, dass auch ein Mitglied der Arbeiter in das Kontrollgremium der Einwohnerwehr berufen würde.

Durch die gute Bezahlung der Einwohnerwehr aus der Staatskasse schwand die Schwierigkeit der Rekrutierung. Viele durch den Krieg entwurzelte Arbeitslose ließen die Wehr in Bad Reichenhall auf 180 Mann anwachsen.

Im Juni 1919 wurde der neue Stadtrat gewählt. Er löste das alte System aus Magistrat und Gemeindebevollmächtigen ab. Der erweiterte Arbeiterrat bestand noch weiter bis zur Auflösung aller Soldaten- und Arbeiterräte im Oktober 1920 durch den neuen Ministerpräsidenten Gustav von Kahr. Die Einwohnerwehren betrachtete von Kahr jedoch noch lange gewissermaßen als seine Privatarmee. Erst auf Druck der Reichsregierung wurden diese 1921 aufgelöst. Am 8.6.1921 verkündete von Massenbach in einer Mitgliederversammlung der Einwohnerwehr mit Bedauern das Auflösungsdekret . Er forderte dabei die Mitglieder zur Waffenabgabe auf.


Quellen :

Max Spindler (Hg.), Albert Schwarz: Handbuch der bayerischen Geschichte, Band IV, Seite 383-465

Wolfgang Zorn: Bayerns Geschichte im 20. Jahrhundert

Johannes Lang: Geschichte von Bad Reichenhall, 2009

Mark Jones: Am Anfang war Gewalt, 2017

Haus der Bayerischen Geschichte, www.hdbg.de

Der Grenzbote 1918 bis 1921, (Archiv der Stadt Bad Reichenhall)

Beschlussprotokolle des Magistrats 1918-19, (Archiv der Stadt Bad Reichenhall)

Fotos: (Archiv der Stadt Bad Reichenhall)


Bearbeitung: Rudolf Schamberger


Siehe auch: Revolution 1918/1919 in Bayern: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Revolution,_1918/1919