Augustiner-Chorherrenstift St. Zeno

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St. Zeno von Westen. Rechts die Pfarrkirche St. Maria, Zeichnung von Philipp Apian, Mitte 16. Jh.
St. Zeno von Süden, 1654
St. Zeno von Osten, Kupferstich, 18. Jh.
Romanisches Kirchenportal, Anfang 13. Jh.
St. Zeno, Altarraum
Barbarossa-Relief im Kreuzgang [1]
Die dem Augustiner-Chorherrenstift St. Zeno unterstellten Pfarreien im Reichenhaller Raum im 18. Jahrhundert

St. Zeno ist ein ehemaliges Stift des Ordens der Augustiner-Chorherren, heute im Stadtgebiet von Bad Reichenhall gelegen. Es wurde 1136 im Rahmen der Salzburger Regularkanonikerreform vom Erzbischof Konrad I. von Abenberg gegründet und 1803 im Zuge der Säkularisation aufgelöst. Seine Bedeutung erlangte das Stift hauptsächlich im Bereich der Seelsorge, nachdem es vor allem während des 12. und 13. Jahrhunderts für den Salzburger Erzbischof auch die Funktion eines politischen Brückenkopfs erfüllt hatte. Bis zur Säkularisation gehörte St. Zeno zur Erzdiözese Salzburg und zum Erzbistum Salzburg.

Gründung

Als Gründungsdatum einer dem hl. Zeno geweihten Kirche gibt die Haustradition die Jahre 806 bzw. 812 an. Gründung und Patrozinium gingen vermutlich auf die Initiative des Salzburger Erzbischofs Arn zurück; eine Beteiligung Kaiser Karls d. Großen ist auf ein Konstrukt des 17. Jahrhunderts zurückzuführen. Eine frühe Mönchszelle, wie in der älteren Literatur erwähnt, konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Im Gegenteil deuten die schriftlichen Quellen darauf hin, dass erst nach der Rückkehr Erzbischof Konrads I. von Abenberg 1120 Maßnahmen zur Gründung eines Stifts ergriffen wurden. Vor dem Hintergrund der Regularkanonikerreform und dem Bedürfnis nach einer Hebung der Seelsorge in Folge zerrütteter Verhältnisse nach dem Investiturstreit schuf Konrad I. in seiner Erzdiözese ein flächendeckendes Netz an Augustiner-Chorherrenstiften, so auch in der Nähe der Salinenstadt Reichenhall. Vereinzelte Quellen nennen das Jahr 1123 als Gründungsjahr des Stifts St. Zeno, tatsächlich abgeschlossen wurden die aufwendigen Gründungsvorbereitungen am 5. April 1136 mit der Ausstellung der offiziellen Gründungsurkunde durch Erzbischof Konrad I. St. Zeno ist die einzige Stiftsgründung Konrads, die er selbstständig und ohne Unterstützung eines adeligen Stifters auf den Weg brachte. In St. Zeno wurde er fortan als Heiliger verehrt.

Während des 12. Jahrhunderts trug das Augustiner-Chorherrenstift vor den Toren Reichenhalls maßgeblich dazu bei, den Einfluss der Salzburger Kirche auf die Salinenstadt zu verstärken. Dieser enge Schulterschluss führte allerdings auch dazu, dass das Stift im Zuge des Dualismus zwischen dem Bayernherzog und dem Salzburger Erzbischof wiederholt in den Brennpunkt der politischen Auseinandersetzungen geriet. Nach der Abspaltung Salzburgs von Bayern und der Entstehung eines eigenständigen Landes Salzburg war St. Zeno als landsässiges Stift sowohl in den bayerischen Landständen als auch ab 1529 als „Propstei außer Landes“ auf den Salzburger Landtagen mit Sitz und Stimme vertreten.

Historische Übersicht

Die Geschichte von St. Zeno ist aufs engste mit den Geschicken der Stadt Reichenhall verzahnt. In die wirtschaftlich prosperierende Zeit des 12. Jahrhunderts fallen sowohl die Gründung als auch der Baubeginn der Stiftskirche. Durch den zunehmenden Dualismus zwischen den bayerischen Herzögen und den Salzburger Erzbischöfen geriet St. Zeno immer mehr in das Spannungsfeld kriegerischer Auseinandersetzungen.

Während St. Zeno bis in die 1160er Jahre zu den vorbildlichen Augustiner-Chorherrenstiften zählte, kam es seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert zusehends zu einem Verfall der klösterlichen Sitten. 1225 erfolgte eine Reformierung des Konvents, ebenso in den 30er Jahren des 14. Jahrhunderts. In den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts kam es im Kontext territorialpolitischer Spannungen zwischen Bayern und Salzburg zu erneuten Reformdiskussionen, was 1481 zum Amtsverzicht des Propstes Johannes III. Weinfelder und zur Installierung des Salzburger Domherrn Ludwig Ebmer führte. Unter dem selbstbewussten Ebmer gelang eine ökonomische Konsolidierung, verbunden mit der Erlangung der Pontifikalien 1483.

Eine Brandkatastrophe führte 1512 zum Umbau der Stiftskirche im gotischen Baustil durch den Salzburger Hofbaumeister Peter Inzinger. In der Folge war das Stift hoch verschuldet. Zusammen mit den Auswirkungen der Reformation kam es noch vor der Mitte des 16. Jahrhunderts zu einem neuerlichen Verfall der klösterlichen Disziplin. Während der damit verbundenen rund sieben Jahrzehnte andauernden Krise stand das Stift wiederholt vor der Auflösung. Eine Verbesserung der Verhältnisse stellte sich erst mit dem Amtsantritt des Reformpropstes Bernhard I. Fischer 1628 ein. Von diesem Reformwerk konnten noch die Nachfolger Fischers zehren. Vor allem die Pröpste Joseph Ertl und Floridus I. Penker zeichneten sich durch eine intensive Bautätigkeit im Bereich der zenonischen Filialkirchen aus.

Bautätigkeit

Ein dem hl. Zeno geweihtes Gotteshaus als Vorgängerbau der ehemaligen Stiftskirche geht vermutlich auf das frühe 9. Jahrhundert zurück. Seit dieser Zeit dürfte hier konstant eine Kirche gestanden haben, die im Zuge der Vorbereitungsphase der Propstei bereits in den 1120er Jahren um- und ausgebaut wurde. Die Baumaßnahmen dauerten das gesamte 12. Jahrhundert an und dürften sich bis zum Weihejahr 1228 erstreckt haben.

Die dreischiffig untergliederte und mit einem angedeuteten Querschiff versehene Stiftskirche gilt mit einem Ausmaß von 90 m Außenlänge (Portalvorbau eingeschlossen) und 37 m Außenbreite (Querbau eingschlossen) als die größte romanische Basilika Altbayerns. Der Grundriss der Klosteranlage macht deutlich, dass der Kirchenbau ursprünglich in geringeren Ausmaßen geplant gewesen war. Als Hauptgeldgeber für die Fortsetzung der Baumaßnahmen ist das Reichenhaller Bürgertum anzusprechen. Von herausragender Qualität ist das bald nach 1200 zu datierende Trichterportal aus rotem und weißem Untersberger Marmor. Als Vorbilder für St. Zeno sind der Salzburger Dom, der Dom zu Gurk und San Zeno di Verona zu nennen.

In den Jahren 1484–1486 entstand die Grabkapelle (Gnadenkapelle) des Propstes Ludwig Ebmer durch den Baumeister Christian Inzinger. Nach einem Großfeuer 1512, das Kirche und Konventsbauten zum Teil schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte, erfolgte unter den Pröpsten Oswald Verg und Wolfgang Lueger der bis 1523 andauernde Wiederaufbau im gotischen Stil. Die Baumaßnahmen leitete der Salzburger Hofbaumeister Peter Inzinger; die herausragenden Kunstdenkmäler in der heutigen Kirche (Katechismustafeln, Taufstein, Kanzel, Chorgestühl) stammt aus dieser Zeit und weisen bereits Merkmale der Renaissance auf. Zug um Zug wurde die Stiftskirche in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts barockisiert. Beim Kirchenbrand 1789 wurde das Gotteshaus nur geringfügig beschädigt.

Die Konventsbauten errichtete man so wie den Kirchenbau ab den 1120er Jahren. Der ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert stammende ursprünglich flach gedeckte Kreuzgang wurde in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gotisch überwölbt. Im Kreuzgang befindet sich ein Quaderstein mit dem Relief eines Kaisers im Krönungsornat, der gemeinhin mit Kaiser Friedrich Barbarossa identifiziert wird. Neuere Forschungen ergaben, dass es sich um eine Zweitverwendung des Steins an dieser Stelle handelt. 1484 entstand ein neuer Speisesaal; möglicherweise wurden um diese Zeit auch die Prälatur sowie der so genannte Neubau, ein Gebäude entlang der Straße, errichtet. (Siehe auch: Kirche St. Zeno Bad Reichenhall - Kurze Baugeschichte)

Seelsorgetätigkeit

St. Zenos wichtigste Funktion war – gemäß der Ausrichtung des Ordens der Augustiner-Chorherren – von Beginn an die seelsorgliche Tätigkeit. Mit der Gründung 1136 wurde dem Stift die Pfarrei Reichenhall inkorporiert, aus der sich im Verlaufe des 14. Jahrhunderts die inkorporierten Pfarreien Froschham sowie Gmain mit der Kuratie Marzoll herausbildeten. 1190 übertrug der Salzburger Erzbischof Adalbert II. dem Stift St. Zeno die pfarrlichen Rechte über Inzell, dessen geschlossener Grundbesitz bereits 1177 zu St. Zeno gehört hatte. Im Jahre 1197 kam die weitläufige Pfarrei Kirchdorf i. Tirol hinzu, die im Zuge der Gründung des Salzburger Eigenbistums Chiemsee 1216 in die Pfarreien Kirchdorf sowie St. Martin b. Lofer aufgeteilt wurde. Als letzte inkorporierte Pfarrei gelangte Petting mit mehreren Filialkirchen im Jahre 1335 unter die seelsorgliche Obhut St. Zenos.

Im Verlaufe des Spätmittelalters kristallisierten sich in den Pfarreien Kirchdorf und St. Martin eigene Vikariate heraus. Zu Kirchdorf gehörten die Vikariate Waidring, Schwendt, Kössen und Reit im Winkl. In der Pfarrei St. Martin entstand das Vikariat Unken, wozu auch die Einwohner der bayerischen Obmannschaften Melleck, Ristfeucht und Schneizlreuth gehörten. Im Zuge der Reformation und der damit verbundenen spirituellen Krise im Stift St. Zeno an der Wende 16./17. Jahrhundert wurden mehrere Pfarreien und Vikariate nicht mehr von stiftseigenen Augustiner-Chorherren, sondern von Weltpriestern pastoriert. Dies führte zum Verlust der zenonischen Seelsorgerechte über die Pfarreien Petting (ab 1594) und St. Martin b. Lofer (ab 1615), mit Ausnahme Unkens. Während der Amtszeit des Propstes Johann Sigmund Lasser (1705–1720) erfolgten mehrere erfolglose Versuche, die verlorenen Seelsorgerechte auf dem Rechtsweg zurückzugewinnen.

Die ausgeprägte Seelsorgetätigkeit mit zahlreichen inkorporierten Pfarreien, Vikariaten und Filialkirchen führte dazu, dass der Konvent St. Zenos meist verhältnismäßig groß gewesen ist. Zum Zeitpunkt der Auflösung des Stifts 1803 zählte man 13 Konventualen im Stift sowie 18 Chorherren, die als exponierte Ordensgeistliche auf die inkorporierten Seelsorgestützpunkte verteilt waren. Bis heute finden sich in den ehemaligen zenonischen Filialkirchen zahlreiche Hinweise auf die Zugehörigkeit zum Stift St. Zeno, auf den Orden der Augustiner-Chorherren sowie auf verschiedene Pröpste.

Wirtschaft

Obwohl das Stift 1136 nur gering dotiert wurde, vermehrte es im Verlaufe des 12. Jahrhunderts hauptsächlich durch erzbischöfliche Zuwendungen seinen Besitz erheblich. Seit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts traten verstärkt adelige Tradenten auf. Über weitgehend geschlossenen Grundbesitz verfügte St. Zeno in Reichenhall, Froschham, Inzell, Weißbach, Bayerisch Gmain, Lofer, Jochberg, im Gasteiner und im Rauriser Tal. Mit Hilfe von Urbarämtern wurde der Besitz verwaltet. Die Urbarämter befanden sich in Hundsdorf (Gem. Rauris), Saalfelden, St. Martin b. Lofer, Kirchdorf i. T., St. Zeno, Inzell, Reichersdorf (Gem. Petting) und Weinzierl (Stadt Krems).

Neben dem geschlossenen Grundbesitz konnte sich das Stift für die Gebiete von Froschham und Inzell die Niedere Gerichtsbarkeit sichern. Beide Hofmarken gehen auf erzbischöflichen Besitz zurück, über den die Grafen von Peilstein als Lehensnehmer mit der Vogtei betraut gewesen waren. Während sich Froschham zu einer überwiegend aus Handwerkern bestehenden Siedlung entwickelte, deren Bewohner die Versorgung des Chorherrenstifts gewährleisteten, zog das Stift im Falle von Inzell wirtschaftlichen Nutzen aus der Waldnutzung, der Jagd, der Fischerei und ab dem 16. Jahrhundert dem Bergbau am Staufen sowie am Rauschberg.

Zu den tragenden wirtschaftlichen Säulen zählte seit der Gründungsphase das Salzwesen. Seit dem 14. Jahrhundert besaß das Stift den 16. Teil an der Reichenhaller Saline und betrieb damit zwei Siedeanlagen sowie eigene Küfwerke. Ein Chorherr, der als Hallinger bezeichnet wurde, überwachte und kontrollierte die stiftseigene Salzproduktion. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts gestaltete sich die Salzerzeugung zusehends unrentabel; hinzu kam eine enorme Verschuldung des Stifts, nicht zuletzt bedingt durch den Bau des unterirdischen Grabenbachstollens, an dessen Gesamtkosten (32.000 Gulden) sich St. Zeno zu 6,25 % beteiligen musste. Im Zuge der Errichtung der Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein verpachtete das Stift 1616 seinen Salinenanteil an den bayerischen Landesfürsten.

Vor der Mitte des 12. Jahrhunderts erwarb St. Zeno einen ersten Weinberg in der Nähe von Krems. Ein eigener Lesehof in Weinzierl bildete das Zentrum der zenonischen Winzertätigkeit. Hinzu kamen weitere Weinberg-Erwerbungen in Wohlfahtrsbrunn (s.-w. Melk), im Wolfsgraben (b. Krems) und Gebling (b. Krems). Im Jahre 1719 erlangte St. Zeno die Konzession für die Herstellung von Bier für den Eigenbedarf. Da das Stift jedoch deutlich mehr als für den Eigenbedarf braute, kam es wiederholt zu Konflikten mit den bürgerlichen Reichenhaller Bierbrauern.

Säkularisation

Nach dem Tod des Propstes Bernhard III. Elixhauser 1801 verhinderte die Regierung in München eine Propstwahl und ließ das Stift interimistisch durch den Dekan verwalten. Nachdem die Regierung allgemein die Aufhebung der ständischen Klöster und Stifte beschlossen hatte, erfolgte in den Jahren 1801 und 1802 eine Besitz- und Vermögensbestandsaufnahme in St. Zeno. Nach der Auflösung des Stifts am 1. April 1803 traten die Chorherren in den Weltpriesterstand über. Bald darauf wurden die mobilen und immobilen Stiftsgüter öffentlich versteigert und das Personal entlassen.

Literatur

Johannes Lang: Das Augustinerchorherrenstift St. Zeno in Reichenhall, Germania Sacra, Dritte Folge 9, Das Erzbistum Salzburg 2, hg. Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, 2015. [2]

Siehe auch

Personenliste Augustiner Chorherrenstift St. Zeno: 51 Pröpste 2 Laien 2 Konversen 2 Laienbrüder 304 Konventualen 1 Administrator 1 Stiftsvogt 1 Vogt 1 Inclusa 1 Famulus: [3]

Kreuzgang St. Zeno: [4]

Kirche St. Zeno Bad Reichenhall - Kurze Baugeschichte

Kuefpeck-Retabel ("Salinenaltar")

Kirche St. Maria (Bad Reichenhall)

Institut St. Zeno der Englischen Fräulein

Froschhamer Zunft: http://www.froschhamerzunft.de/index.html

Bearbeitung: Johannes Lang