Bad Reichenhall

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Bad Reichenhall ist die Große Kreisstadt des Landkreises Berchtesgadener Land mit Sitz eines Landratsamtes, Bezirk Oberbayern. Bekannt ist Bad Reichenhall durch das hier seit nachweislich dem Jahre 696 erzeugte Salz. Zum internationalen Kurort und Heilbad entwickelte sich der Ort ab dem Jahre 1846; 1899 wurde Bad Reichenhall zum königlich bayerischen Bad (seit 1918: Staatsbad) erhoben. Zu der an der Saalach gelegenen Stadt gehören heute die ehemals politisch eigenständigen Gemeinden St. Zeno, Marzoll und Karlstein.

Die Alte Saline ist das Wahrzeichen von Bad Reichenhall
Blick in das Reichenhaller Becken von Nordosten
Keltisches Geld aus Karlstein mit Kugelpferd-Motiv
Rekonstruktion des römischen Gutshofs in Marzoll
Der heilige Rupert predigt in Reichenhall. Fenster in der Ägidikirche
Burg Gruttenstein von Westen
Soleschöpfbrunnen und Sudhäuser in Reichenhall, 1544
Älteste Ansicht der Salinenstadt Reichenhall um 1590
Lage der Patrizierhäuser in Reichenhall im Spätmittelalter
Wappen der Stadt Reichenhall, 1523
Die Reichenhaller Saline Anfang des 18. Jahrhunderts
Reichenhall um 1700
Gewerbe in Reichenhall im 18. Jahrhundert
Reichenhall Ende des 18. Jh.
Alte Saline, Wasserräder im Hauptbrunnhaus
Die Kuranstalt Achselmannstein um 1860
Das Königliche Kurhaus wurde 1900 eröffnet
Sole-Trinkbrunnen in der Wandelhalle
Predigtstuhlbahn, Bau der Stütze 2 (1927)
Am 25. April 1945 forderte ein alliierter Bombenangriff 215 Todesopfer
Plakat für die erste bayerische Spielbank 1955
Die erste Fußgängerzone wurde 1974 bis 1976 eingerichtet
1992 wurde der Rathausplatz zur Fußgängerzone
2005 eröffnete die Rupertustherme

Lage und Klima

Das Reichenhaller Becken, auch als „Reichenhaller Land“ bezeichnet, wird im Norden, Westen und Süden von den Gebirgsstöcken und Bergen des Staufengebirges, des Jochberges, Gebersberges, Müllnerhorns sowie des Lattengebirges und in weiterem Abstand vom Untersberg begrenzt. Nur gegen Osten verläuft das Gelände gegen das Salzburger Becken aus. Durchschnitten wird das Reichenhaller Becken durch die Saalach, welche die umliegenden Gebirgsgruppen orographisch links in die Chiemgauer Alpen und orographisch rechts in die Berchtesgadener Alpen teilt. Zum historisch gewachsenen Siedlungsgebiet des Reichenhaller Beckens gehören auch die politisch eigenständigen Gemeinden Bayerisch Gmain (D) und Großgmain (Ö), die ähnlich wie das deutlich kleinere Nonn auf einer ausgedehnten Hochterrasse am Fuße von Lattengebirge und Untersberg liegen. Das gegen Norden gerichtete Staufengebirge sorgt dafür, dass Bad Reichenhall von rauhen Winden weitgehend verschon bleibt. Die Kombination aus ausgeglichenen Temperaturen und hoher Luftreinheit führen zu einem milden Reizklima, weshalb Bad Reichenhall auch als heilklimatischer Kurort gilt. Der Münchner Medizinprofessor Georg Ludwig Ditterich brachte im Jahre 1855 den Begriff von Reichenhall als dem „oberbayerischen Meran“ auf, ein Begriff, der seither in der abgewandelter Form in der Ortswerbung Verwendung findet.


Vor- und Frühgeschichte

Die ältesten menschlichen Funde im Reichenhaller Becken stammen nicht aus dem eigentlichen Stadtgebiet, sondern aus dem Weichbild, hauptsächlich aus Karlstein, Nonn, Kirchberg und Marzoll. Fragmente eines Glockenbechers (2600 bis 2300 v. Chr.) im Karlsteiner Hochtal deuten eine Besiedelung sowie weit verzweigte Handelswege an. Seit dieser Übergangszeit von der metalllosen zur metallverarbeitenden Epoche lassen sich sämtliche prähistorische Phasen mehr oder weniger gut im Reichenhaller Raum nachweisen. Insbesondere aus der frühen und mittleren Bronzezeit lässt sich am Fuße des Karlstein Bronzeverhüttung und die Herstellung von Gerätschaften nachweisen. Mehrere Hortfunde mit Spangen- und Ringbarren in Nonn, Mauthausen / Piding und am Högl weisen auf einen intensiven Handel hin. Am Langacker und am benachbarten Eisenbichl lassen sich zwei Brandopferplätze nachweisen, die im Zeitraum zwischen etwa 1500 und 1200 v. Chr. genutzt wurden.

Nach einer deutlichen Fundabnahme während der Hallstattzeit (750 – 450 v. Chr.) sowie Früh- und Mittellatènezeit (450 – 150 v. Chr.), deren Ursache möglicherweise mit dem Erblühen der Salzerzeugungsorte Hallstatt und Dürrnberg zusammenhängt, lässt sich ab ca. 150 v. Chr. ein sprunghaftes Anwachsen der archäologischen Befundung im Karlsteiner Hochtal nachweisen. Zur dortigen Höhensiedlung, welche die Felsnadeln von Karlstein-, Pankraz- und Burgsteinfelsen als sichere Rückzugsorte nutzte, gehörte als markanteste Einrichtung auch eine Münzprägestätte, in der das so genannte „Karlsteiner Kleinsilber“ geprägt wurde.

Bereits kurz vor der Inbesitznahme des keltischen Königreichs Norikum durch die Römer 15 v. Chr. verlagerten sich die Höhensiedlungen in die Talniederungen. In Fager (Ortsteil Karlstein) entstand eine von ca. 60 – 80 Personen bewohnte dörfliche Siedlung (vicus) , die von ihrer Lage am Handelsweg von Salzburg in Richtung Chiemgau bzw. Pinzgau profitierte. Unmittelbar nach der Ankunft der Römer errichtete man in Marzoll eine repräsentative Villa (villa rustica), zunächst aus Holz, ab dem 2. Jh. n. Chr. aus Stein. Diese Villa fiel möglicherweise einem zwischen 166 und 180 n. Chr. erfolgten Markomanneneinfall zum Opfer, wurde dann in verkleinerter Form wieder aufgebaut, ehe sie im Jahre 242 n. Chr. endgültig zerstört wurde.

Die Besiedelung des eigentlichen Stadtgebiets , ebenso die Salzgewinnung, zur Zeit der Römer ist bislang archäologisch nicht nachgewiesen, jedoch naheliegend. Denn der lateinische Name Reichenhalls lautete „Salinas“ (= Saline). Bis heute weisen zahlreiche Orts- und Flurnamen im Reichenhaller Becken eine lateinische Herkunft auf. Als Rückzugsgebiet für die Bevölkerung während der Völkerwanderungszeit könnte die große Wallanlage auf dem Kirchholz gedient haben. Als Nekropole mit möglicherweise längerer Tradition entwickelte sich der Kirchberg jenseits der Saalach, in dessen Nähe ein umfangreiches bajuwarisches Reihengräberfeld aus der Zeit zwischen 550 und 730 entdeckt wurde. Bei den Bestatteten handelte es sich teilweise um christliche Romanen, teilweise um heidnische Germanen.

Historische Zeit; Blütezeit der Salinenstadt

Mit dem Auftreten des hl. Rupertus, Bischof von Worms und „Apostel der Bayern“, im Jahre 696 beginnt für Bad Reichenhall die Schriftlichkeit. Für dieses Jahr werden sowohl der Ort als auch die Saline urkundlich genannt. Der Bayernherzog Theodo II. schenkte dem hl. Rupertus ein Drittel der Reichenhaller Saline, um damit die beabsichtigte Gründung der Salzburger Kirche wirtschaftlich abzusichern. Einer spätestens im 15. Jahrhundert entstandenen Legende nach gelangte Rupertus im Jahre 696 nach Reichenhall, wo man ihm den von den Hunnen unter Attila zerstörten Solebrunnen zeigte. Daraufhin schlug der Heilige mit seinem Bischofsstab gegen einen Stein, woraufhin Salzwasser herausströmte. Somit galt der hl. Rupertus als legendenhafter Wiederentdecker der Reichenhaller Solequellen. Seit dem 8. Jahrhundert findet sich in den Quellen als neuer Ortsname „Hal(l)“, der bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts den älteren Ortsnamen „Salinas“ gänzlich verdrängte. Bis in das ausgehende 12. Jahrhundert galt die Reichenhaller Saline als die einzige leistungsfähige und exportorientierte Saline im gesamten Ostalpenraum und in weiten Teilen Mitteleuropas. Zahlreiche kirchliche und adelige Eigentümer teilten sich die auf viele Anteile aufgesplitterte Reichenhaller Saline, die eine Monopolstellung innehatte. Üblicherweise ließen die Eigentümer ihre Anteile durch Leibeigene verwalten, die als spezialisierte Arbeiterschicht sich im Laufe der Zeit eine Sonderstellung erarbeiten konnten und schließlich zum Patriziat der Stadt aufstiegen. Durch den Handel mit Salz aus Reichenhall entstand noch vor der ersten Jahrtausendwende der Handelsweg „Goldener Steig“, der sich zum bedeutendsten in Süddeutschland und Böhmen entwickelte.

Die vielen Anteilsnehmer und die damit verbundenen Rechtsstreitigkeiten führten um das Jahr 1070 zur Entstehung einer Amtsgrafschaft, der so genannten „Hallgrafschaft“. Amtsträger war zunächst Graf Arnold von Dießen, dessen Nachkommen sich nach der Burg Wasserburg nannten. Ihm oblag die Organisation und Überwachung der Saline und des Salzhandels. Die Hallgrafschaft wurde innerhalb der Familie weiter verlehnt, ehe der Hallgraf Gebhard II. 1169 in das Kloster Reichersberg eintrat. Dem voraus gegangen waren heftige Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser Friedrich I. Barbarossa und dem Salzburger Erzbischof Adalbert II. Daraufhin übernahm Herzog Heinrich der Löwe die Hallgrafschaft zu Lehen. Ein vom Herzog eingesetzter Stadtrichter nahm die bislang von den Hallgrafen verrichteten Aufgaben wahr. Zwar trug der Wasserburger Graf Dietrich II. 1183 erneut den Titel eines Hallgrafen, ohne allerdings damit Rechte geltend machen zu können. Der letzte Hallgraf, Konrad, starb im Jahre 1259.

Der Stadtwerdungsprozess Reichenhalls erfolgte während der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, maßgeblich bestimmt durch die Reorganisationen nach dem Investitursteit und das städtebauliche Programm des Salzburger Erzbischofs Konrad I. von Abenberg. Die Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts St. Zeno 1136 und die Errichtung einer ersten Stadtmauer fallen in diese Zeit. 1144 ist urkundlich von einem „castrum“ die Rede, um 1150 von einem „Oppidum“, 1159 von „civitas“ (Stadt). Damit ist Reichenhall mit Ausnahme der auf römische Tradition zurückgehenden Bischofsstädte als eine der ältesten Städte Bayerns anzusprechen.

Der Monopolbruch von 1196 und die Folgen

Während der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts war die Reichenhaller Saline nicht mehr in der Lage, der stark gestiegenen Nachfrage an Salz zu entsprechen. Eine Ursache lag in der politisch krisenhaften Zeit, die dazu führte, dass Reichenhall 1171 in Flammen aufging. Eine allgemein intensive Suche nach neuen Salzvorkommen führte zur Entstehung kleinerer Salinen, so etwa in Hall bei Admont und in Unken. Salz wurde um das Jahr 1190 zudem am Gollenbach und Tuval entdeckt und von den Augustiner-Chorherren aus Berchtesgaden ausgebeutet, ebenso auf dem Dürrnberg, wo die Abtei St. Peter (Salzburg) mit einer vorerst bescheidenen Salzerzeugung begann. Möglich wurde die Salzgewinnung aus Steinsalz erst durch die damals eingeführte Methode des Sinkwerkverfahrens, das vermutlich seinen Ursprung in Lothringen hatte und durch den Orden der Zisterzienser in den Ostalpenraum gebracht wurde.

Sowohl die Propstei Berchtesgaden als auch die Abtei St. Peter hatten Anteile an der Reichenhaller Saline. Die Gruppe der Anteilsnehmer, damals bereits beherrscht von den Patriziern, sah ein derartiges Ausscheren aus den Kartellzwängen nicht vor und belegte daher die Propstei mit einer Sonderbesteuerung, später auch mit der Einziehung des Vermögens. Der Salzburger Erzbischof Adalbert II. erblickte in der Berchtesgadener Salzgewinnung eine Konkurrenz nicht so sehr der Reichenhaller Saline, wo er nach wie vor größter Anteilsnehmer war, als viel mehr seiner eigenen Ambitionen auf dem Dürrnberg. Vermutlich in seinem Auftrag sorgten die Grafen von Plain für die Zerstörung der Berchtesgadener Salinenanlagen. Um das Jahr 1194 wollten auch die Reichenhaller Bürger gewaltsam gegen die Berchtesgadener vorgehen, was Kaiser Heinrich VI. scharf verurteilte. In diesem Zusammenhang kritisierte er „den durch großen Reichtum aufgeblasenen Übermut“ der Reichenhaller Bürger. Gegen künftige Einfälle errichteten die Kanoniker aus Berchtesgaden an der Engstelle zwischen Untersberg und Lattengebirge einen Turm, den „Hallthurm“. Indem der Kaiser den Salzburger Erzbischof beauftragte, für die Berchtesgadener Propstei Wiedergutmachung zu erlangen und die Verursacher des Schadens zu bestrafen, erblickte der Erzbischof darin den willkommenen Freibrief, um rücksichtslos gegen das mittlerweile selbstbewusste Bürgertum der führenden Salinenstätte Reichenhall vorzugehen.

Im Jahre 1196 ließ der Salzburger Erzbischofs Adalbert II. die Stadt Reichenhall dem Erdboden gleichmachen; lediglich das Stift. St. Zeno blieb davon verschont. Diese Vernichtung, die sich durch schriftliche und archäologische Quellen nachweisen lässt, ist als die schwerste in der Geschichte der Stadt anzusehen. Noch zwei Jahrzehnte später überlegte man, die Stadt zu verlegen oder an selber Stelle wieder zu errichten. Der Salzburger Erzbischof, der auf dem Dürrnberg nun konkurrenzlos Salz erzeugen ließ, hatte an einem Wiederaufbau Reichenhalls und seiner Saline kein Interesse, wogegen der Bayernherzog darin die einzige Möglichkeit einer eigenen Salzerzeugungsstätte erblickte. Um sein Interesse am Fortbestand der Stadt zu unterstreichen, ließ er um das Jahr 1218 widerrechtlich die Burg Gruttenstein wiedererrichten.

Der Vertrag von Nürnberg 1218, in dem sich der Herzog und der Erzbischof hinsichtlich Reichenhalls auf einen Vergleich einigten, führte dazu, dass die Stadt mit der Saline ab dem Jahre 1218 auf verkleinerter Fläche wieder aufgebaut wurde. Wegen der Zerstörung von 1196 und der lange anhaltenden Uneinigkeit über die Zukunft der Stadt konnte die Saline über viele Jahre kein Salz erzeugen, weshalb die in der Nähe des Dürrnberg nach Reichenhaller Vorbild neu errichtete Saline Hallein (=kleines „Hall“; benannt nach [Reichen]Hall) nahtlos die Marktführerschaft übernahm. Vor allem der böhmische Markt wurde nun bis in das 16. Jahrhundert vom Halleiner Salz beherrscht. Auch durch die im Verlauf des 12. Jahrhunderts aufkommenden neuen Salzerzeugungsorte Berchtesgaden (Schellenberg), Hall in Tirol und Hallstatt musste Reichenhall einen empfindlichen Bedeutungsverlust hinnehmen. Der in diesem Zusammenhang häufig verwendete Name „Hall“ für die neuen Salinenstädte leitete sich vom Vorbild Halls (= Reichenhalls) ab. Damit wird deutlich, dass Reichenhall im Hochmittelalter im Ostalpenraum sinnbildlich für den Salinenort stand.

Kampf um die Zugehörigkeit; Pfleggericht

Nachdem der Vertrag von Nürnberg 1218 für den Herzog von Bayern sowie für den Erzbischof von Salzburg einen gleichrangigen Einfluss auf die Herrschaft über Reichenhall vorgesehen hatte, entbrannte in den Jahrzehnten darauf ein verbittert geführter Krieg um die Vorherrschaft über Reichenhall. Gleichzeitig entwickelte sich die Salinenstadt zu einem bedeutenden Zankapfel im Ringen Salzburgs um eine Lösung vom Mutterland Bayern und der Etablierung einer eigenen Landeshoheit, die um das Jahr 1342 erreicht war. Nach dem Aussterben der Grafen von Peilstein im Mannesstamm 1218 erlangte der Bayernherzog Ludwig der Kelheimer die dortige Grafschaft Reichenhall, das außerhalb der Hallgrafschaft gelegene Gebiet, das ursprünglich ein Salzburger Lehen gewesen war. Mittelpunkt der Grafschaft Reichenhall war die Burg Karlstein, die nun ebenfalls in das Eigentum des Herzogs überging. Nachdem auch die Grafen von Plain 1260 im Mannesstamm erloschen waren, trat der Salzburger Erzbischof in deren Grafschaften das Erbe an. Die in der Grafschaft Reichenhall noch vorhandenen erzbischöflichen Burgen Kirchberg, Vager und Amerang wurden in einem Feldzug von herzoglichen Truppen 1262 zerstört. Die 1266 erfolgte Eroberung und Teilzerstörung Reichenhalls durch den mit dem Erzbischof verbündeten Bischof von Olmütz, Bruno von Schaunburg-Holstein, konnte den dauerhaften herzoglichen Einfluss auf Reichenhall jedoch nicht mehr verhindern.

Gerichtliche Entscheidungen zwischen dem Herzog und dem Erzbischof um die künftige Zugehörigkeit Reichenhalls („Reichenhaller Frage“) wurden immer wieder verschoben und auf dem Rechtsweg letztlich nie getroffen. Zu Ende des 13. Jahrhunderts galt es als gesichert, dass Reichenhall eine bayerische Stadt bleiben und nicht der Herrschaft des Salzburger Erzbischofs unterstellt würde.

In den Jahren von 1275 (Zweiter Erhartinger Vertrag) bis 1342 formierten sich die Landesgrenzen im Reichenhaller Raum. 1290 trat erstmals ein herzoglich bayerischer Pfleger in Reichenhall auf, wogegen ein erzbischöflich salzburgischer Pfleger auf der nun salzburgischen Plainburg 1317 urkundlich genannt ist. Das Pfleggericht Reichenhall erstreckte sich vom Steinpass im Westen über Reiteralpe und Lattengebirge bis zum Walserberg im Osten, verlief von dort in der Mitte der Saalach bis zum „Goldenen Zweig“ am Fuße des Fuderheubergs, über das Staufengebige und schloss anfänglich auch das Inzeller Becken ein. Später wurde Inzell dem bayerischen Pfleggericht Traunstein angegliedert. Im Süden grenzte das Pfleggericht Reichenhall an den geschlossenen Grundbesitz der Augustiner-Chorherren von Berchtesgaden, deren Herrschaftsbereich 1306 erstmals als „Land“ Erwähnung fand. Deutlich später, 1342, wurde auch das Erzstift Salzburg erstmals als Land genannt. Damit grenzte das Pfleggericht Reichenhall mit Berchtesgaden und Salzburg an zwei eigenständige Länder. Das Dreiländereck auf dem Lattengebirge trägt bis heute den Namen „Dreisesselberg“, da sich hier die Throne („Sessel“) von drei Landesfürsten fanden.

Namengebung; Siegel und Wappen; Stadtrecht; Burgfrieden

Nachdem die im 12. / 13. Jahrhundert neu hinzu gekommenen Salzerzeugungsorte vielfach Namen mit dem Namensbestandteil „Hall“ erhielten, grenzte sich die bis dahin „Hall“ benannte Salinenstadt ab und wurde im Jahre 1323 erstmals als „Reychen Halle“ bezeichnet. Der Name bürgerte sich fortan fest ein.

Das erste überlieferte Stadtsiegel datiert von 1279 und zeigt ein mit der Siegesfahne schreitendes widersehendes und nimbiertes Gotteslamm. Der während des 13. und 14. Jahrhunderts deutlich zugenommene politische Einfluss der Herzöge von Niederbayern führte dazu, dass ab dem Jahre 1300 das Siegel und Wappen der Stadt Reichenhall dem Wappen der Herzöge von Niederbayern angepasst wurden und sowohl als heraldische Figur den Panther als auch die Rauten zeigten.

Ein spezielles Reichenhaller Recht, das „Ius Hallensium“, wird bereits im 12. Jahrhundert erwähnt. Erstmals wurde das Stadtrecht 1360 vom Herzog bestätigt. Aus dem Jahre 1440 haben sich elf „Freyhaiten“ der Stadt erhalten.

Der Burgfrieden, in dem nicht das Landrecht, sondern städtisches Recht galt, ging deutlich über die Umfassung der Stadtmauern hinaus. Er reichte von der Saalach im Norden bis zum Spechtenkopf („Stadtberg“) im Süden und umfasste sogar den Ortsteil Kirchberg jenseits der Saalach.


Patriziat und Saline

Die Zerstörung Reichenhalls 1196 durch die Truppen des Erzbischofs führten dazu, dass sich die in Reichenhall verbliebenen Patrizier von ihrem Metropoliten distanzierten und die Nähe zum Herzog suchten. Seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert bildeten sie die plutokratische Elite der Stadt und teilten sich die Anteile an der Saline. Obwohl sie als Pächter dieser Salinenanteile auftraten, zahlten sie an die eigentlichen Eigentümer – Bistümer, Klöster und Stifte – nur mehr einen symbolischen Pachtzins. Voraussetzung für Sitz und Stimme im Reichenhaller Stadtrat, der vom Pfleger ausgewählt wurde, war der (zumindest pachtweise) Besitz von Salinenanteilen. Dieser so genannte „Rat der Sechzehn“ wurde 1290 erstmals urkundlich erwähnt. Ein Bürgermeister kam erst ab ca. 1500 hinzu. Die Reichenhaller Patrizierfamilien heirateten untereinander und schotteten sich sozial ab. Zahlreiche Patriziersöhne finden sich in namhaften kirchlichen Positionen in der Salzburger Kirchenprovinz wieder. Als herausragendste Familie brachte es die Dynastie der Fröschl zu ritterbürtigem Ansehen, zu großem Reichtum und Macht.

Klimaveränderungen, katastrophale Überschwemmungen durch die Saalach (1374, 1386, 1400, 1424, 1426), schwere Stadtbrände (1424, 1448, 1473) und nicht zuletzt soziale Unruhen innerhalb der salinarischen Belegschaft brachten die Patrizier immer stärker in wirtschaftliche Bedrängnis, da die Saline kaum mehr konkurrenzfähig war und ihre Existenz nur mehr dem Monopol auf dem bayerischen Markt verdankte. Der Versuch, mittels eines vom Meister Erhard Hann von Zabern entwickelten Paternosterwerks eine Trennung von Süß- und Salzwasser im Brunnenschacht vornehmen zu können sowie eine maschinelle Förderung der Sole herbeizuführen, gelang nur unzureichend. Die Folge war eine starke Verschuldung der Siedeherren, außerdem weitere schwere soziale Unruhen in der Stadt, da es auf Grund der maschinellen Solehebung zu einer Massenarbeitslosigkeit der Vaher (Schöpfknechte) kam. Die Gemeinde begehrte gegen die etablierte Patrizierschicht auf.

Nachdem der Herzog bereits 1461 einen Salzmeier für seine eigenen Salinenanteile installiert hatte, betrieb er ab 1481 bis zum Jahr 1494 schrittweise und systematisch die feindliche Übernahme der Salinenanteile der Siedeherren. Herzog Georg der Reiche kam damit einer schmachvollen Bankrotterklärung zuvor und sicherte sich das Staatsmonopol in der Salzproduktion. (Im Jahre 1619 konnte der Bayernherzog die letzten fremden Salinenanteile des Stifts St. Zeno vertraglich an sich binden.)


Staatliches Salzproduktionsmonopol; Reformen und Investitionen; gesellschaftliche Veränderungen

In Folge der Monopolisierung der bayerischen Salzproduktion veranlasste der Herzog die Umstrukturierung, Reformierung und Modernisierung des salinarischen Betriebs, so dass das Salzwesen zur wirtschaftlichen Zugmaschine Bayerns wurde. Bereits 1498 tagten erste Expertenrunden in Reichenhall. 1507 – 1512 wurde unter Federführung des Architekten und Steinmetzes Erasmus Grasser der zuvor mit Holz ausgeschachtete Solebrunnen in Steinquadern ausgeführt. Nachdem die zur Reichenhaller Saline gewidmeten Wälder im Gebiet des Pillersees und Leukentals in Folge des Landshuter Erbfolgekriegs 1506 an die Habsburger Krone gelangten und eingezogen wurden, erließ der Herzog 1509 eine „Reichenhaller Wald- und Sudordnung“. Darin vorgesehen war die Schaffung einer „Waldmeisterstelle“, gewissermaßen der Vorläufer des ersten bayerischen Forstamtes in Reichenhall. 1529 wurde das erste bayerische Waldbuch angelegt. Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1515 wurde in den Jahren von 1524 bis 1538 ein Kanal – heute als Grabenbach bekannt – im Untertagebau errichtet, der auf einer Länge von knapp zwei Kilometern unterirdisch das Süßwasser des Kettengeschöpfs aus dem Brunnhaus transportierte, ehe das Wasser rund zwei Kilometer in offenem Gerinne in die Saalach geleitet wurde. 1587 sorgte der bayerische Landesfürst außerdem für eine staatliche Monopolisierung des Salzhandels.

Die seit dem staatlichen Salzproduktionsmonopol erzeugten Salzmengen konnten bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts deutlich gesteigert werden, ehe eine wesentlich schwächere Salzkonzentration im Solebrunnen eine sprunghafte Zunahme an Brennholzverbrauch für den Siedeprozess nach sich zog. Hinzu kam eine scharfe Wirtschaftskonkurrenz zum Halleiner Salz, was 1611 sogar zum so genannten Salzkrieg zwischen Bayern und Salzburg führte. Da der Zugriff auf die im salzburgischen Pinzgau zur Verfügung stehenden Wälder – die späteren Saalforste – einerseits zu unsicher war und andererseits auf Grund intensiver Abholzung deren Begrenztheit erkannt wurde, ließ der Bayernherzog Maximilian I. in Traunstein, wo sich die Brennholzversorgung deutlich günstiger gestaltete, 1618 eine Hilfssaline bauen. Mittels einer in den Jahren 1617 – 1619 errichteten 32 Kilometer langen Soleleitung, die mit Hilfe von Pumpwerken große Höhenunterschiede zu bewältigen im Stande war und als die erste moderne Pipeline der Welt gilt, wurde fortan etwa ein Drittel der hiesigen Soleschüttung aus Reichenhall nach Traunstein geleitet.

Bereits durch die Veräußerung der bürgerlichen Salinenanteile an den Herzog in den Jahren 1481 – 1494 verschwand innerhalb weniger Jahre die bis dahin dominierende Gesellschaftsschicht der Siedeherren aus Reichenhall. Nur wenige, wie die Familie Fröschl, die in Marzoll ein repräsentatives Schloss bewohnten und über zahlreiche Ämter verfügten, konnten sich auch danach noch behaupten. An die Stelle der Siedeherren als vorrangige soziale Klasse rückten die privatwirtschaftlich arbeitenden Salzhändler. Mit der staatlichen Monopolisierung des Salzhandels 1587 erlosch auch diese Branche. Die Errichtung einer bayerischen Hilfssaline in Traunstein trug schließlich dazu bei, dass Reichenhall einen empfindlichen Bedeutungsverlust hinnehmen musste. Hinzu kam, dass Bayern sowohl das Berchtesgadener (seit 1555) als auch das Halleiner Salzwesen (1611) vertraglich fest an sich gebunden hatte und damit eine bedeutende Rolle auf dem mitteleuropäischen Salzmarkt spielte.


Kriege der Frühen Neuzeit; Reformen und beginnende Industrialisierung

Auf Grund seiner Lage im Grenzraum zum Fürsterzbistum Salzburg blieb Reichenhall von den unmittelbaren kriegerischen Ereignissen des Dreißigjährigen Kriegs verschont. Vorsorglich wurde ab 1632 eine verschanzte Linie mit bislang nachweislich fünf Redouten auf dem Walserberg angelegt. In den Jahren 1630, 1634 und 1636 grassierte in Reichenhall und der Umgebung die Pest, die bereits 1564 gewütet hatte. Für das Jahr 1671 ist die erste Inhaftierung des Jakob Koller, des später intensiv verfolgten „Zauberer Jackl“, in der Salinenstadt belegt.

Ab dem Jahre 1701 wurde Reichenhall im Spanischen Erbfolgekrieg wiederholt zum Ziel für Truppendurchmärsche und Eroberungen, so etwa 1704 durch Tiroler Bauern und kaiserlich österreichische Milizen. In diesem Zusammenhang entstand vermutlich 1702 auf dem Kirchholz die rund einen halben Kilometer lange „kurbayerische Defensionslinie“. Während des Österreichischen Erbfolgekriegs erlebte die Salinenstadt 1742 die Eroberung durch österreichische Einheiten, unter ihnen rund 200 Mann der berüchtigten Panduren des Freiherrn von Trenck. Innerhalb von drei Jahren wurde Reichenhall viermal abwechselnd von bayerischen und von österreichischen Truppen eingenommen. Ab dem Jahre 1763 diente die Burg Gruttenstein als Kaserne für ein Grenzbesatzungs-Kommando.

1761 entstand im Schloss Achselmannstein eine Baumwollmanufaktur. Zu Ende des 18. Jahrhunderts arbeiteten weit über eintausend Frauen und Männer in dem Unternehmen als Sticker, Spinner, Streicher und Färber. Neben der Münchener Kattunmanufaktur gehörte die Manufaktur in Achselmannstein zur bedeutendsten Einrichtung dieser Art in Bayern. Ein neues Mautsystem führte dazu, dass die hier erzeugten Waren nicht mehr konkurrenzfähig waren. 1807 löste sich die Manufaktur auf.

Als Maßnahme zur Einsparung von Energie wurden ab 1745 Gradierwerke errichtet, die der Erhöhung der Grädigkeit (des Salzgehalts) diente und die schließlich eine Länge von 720 Metern erreichten. Sie erstreckten sich quer durch das gesamte Tal von den Abhängen des Kirchholzes bis zur Saalach und waren landschaftsprägend. Zunehmende Beschwerden über Qualitätsmängel des Reichenhaller Salzes führten in den Jahren 1782 bis 1784 zu grundlegenden Reformen und Modernisierungsmaßnahmen an der Saline durch den gelernten Uhrmacher und Techniker Johann Sebastian von Clais.


Napoleonische Kriege; territoriale Neuordnung; Gemeinde

Im Jahre 1803 wurde mit dem Augustiner-Chorherrenstift St. Zeno das kirchliche Zentrum des Reichenhaller Raumes aufgehoben. Mit der Säkularisation der beiden geistlichen Fürstentümer Salzburg und Berchtesgaden 1803 veränderte sich die Grenzlage Reichenhalls innerhalb weniger Jahre mehrfach. Dem vorausgegangen waren seit 1787 Truppendurchmärsche, 1800 die Besetzung der Stadt durch französisches Militär nach der für Frankreich siegreichen Schlacht auf dem Walserfeld. In der wenige Tage später erfolgten Schlacht am Bodenbichl (Schneizlreuth) gegen die vereinigten Pinzgauer und Tiroler Schützen erlitten die französischen Truppen eine vernichtende Niederlage.

1805 marschierten österreichische Truppen in das mit Frankreich verbündete Bayern ein; Reichenhall wurde von österreichischen Soldaten besetzt. Am Pass Strub (Lofer) musste das bayerische Militär eine Niederlage hinnehmen. Zu Ende des Jahres 1805 wurde auf landesfürstlichen Befehl die Gebirgsschützenkompanie Reichenhall gebildet. Die französische Armee hingegen siegte in mehreren Schlachten über die österreichischen Truppen. Mit dem Frieden von Pressburg 1805 erhielt Bayern die Gefürstete Grafschaft Tirol, Österreich bekam die ehemals eigenständigen Länder Salzburg und Berchtesgaden zugesprochen, wodurch das Pfleggericht Reichenhall nunmehr an Österreich grenzte.

In Folge der Erhebung der Tiroler gegen die bayerischen Besatzer 1809 wurde die Salinenstadt Reichenhall zunächst von österreichischen Truppen besetzt, dann von einer bayerischen Brigade in Besitz genommen, schließlich von Tiroler Aufständischen unter der Führung Josef Speckbachers mehrere Wochen belagert. Es war dies die letzte Bewährungsprobe für die Bad Reichenhaller Stadtbefestigung, die in den darauffolgenden Jahrzehnten teilweise verfiel oder abgetragen wurde. In der Schlacht bei Melleck am 17. Oktober 1809 wurden die Tiroler Insurgenten von bayerisch-französischem Militär vernichtend geschlagen.

Berchtesgaden gelangte 1810 zum Königreich Bayern, ebenso Salzburg, das im Vertrag von München 1816 mit Ausnahme des so genannten „Rupertiwinkels“ erneut zu Österreich kam. Die Zugehörigkeit Berchtesgadens zu Bayern führte 1817 zur Errichtung einer Soleleitung von Berchtesgaden nach Reichenhall, nachdem bereits 1810 eine Soleleitung von Reichenhall nach Rosenheim errichtet worden war, wo eine weitere Hilfssaline entstanden war.

1818 entstand das Landgericht Reichenhall, zu dem auch die Dörfer Piding, Aufham, Stoißberg und Högl gehörten. Das so genannte Gemeindeedikt schuf die Grundlagen kommunaler Selbstverwaltung der Landgemeinden, so Karlsteins, St. Zenos und Marzolls. Reichenhall galt als eine Stadtgemeinde dritter Ordnung.


Etablierung als Kurort

Durch einen in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1834 wütenden Brand wurden drei Viertel der Stadtfläche vernichtet. Der Wiederaufbau orientierte sich am architektonischen Leitobjekt, der Saline, die von den Architekten Friedrich von Gärtner und Daniel Ohlmüller unter Zuarbeit von Friedrich von Schenk und Kaspar von Reiner entworfen wurde.

1837 erwog die Stadtverwaltung den Plan, in Reichenhall ein Solebad zu etablieren. Bereits 1786 waren im Ortsteil Kirchberg, im so genannten Ledererbad, erstmals Solebäder verabreicht worden. Ein Erfolg als Kurdestination war allerdings erst der Sole- und Molkenkuranstalt Achselmannstein beschieden, die 1846 durch die Erben Kaspar von Reiners sowie dessen Schwiegersöhne Ernst Rinck und Wilhelm von Pechmann eröffnet wurde und die Verwandlung Reichenhalls von der ausschließlichen Salinenstadt hin zum Heilbad einläutete. Innerhalb von rund 25 Jahren veränderte sich die Stadt grundlegend; es entstand die so genannte „Badvorstadt“ im Nordosten, mit Villen bebaut, ebenso in Bad Kirchberg. Nach dem Leitbetrieb Achselmannstein entwickelten sich zahlreiche neue Kurmittel-, Bade- und Beherbergungsbetriebe, so etwa das Louisenbad, Maximiliansbad, Dianabad, Bad Kirchberg, Hotel Burkert oder Russischer Hof.

1848 weilte der Bayerische König Maximilian II. zur Kur in Achselmannstein, womit die Nobilitierung des Bades einher ging. Zahlreiche Adelige folgten seinem Vorbild. Mit Georg von Liebig gelangte 1859 ein ausgewiesener Wissenschaftler auf die Stelle des Salinen- und Landgerichtsarztes. Ihm sind zahlreiche medizinisch-balneologische Studien zu verdanken, außerdem konnte er die Hauptindikationen des Kurortes Reichenhall wissenschaftlich belegen und benennen: Die Therapie von Atemwegs-, Haut- und Rheumatismuserkrankungen. 1856 entwickelte der Apotheker Mathias Mack das Latschenkiefernöl, das fortan ein wichtiges Reichenhaller Kurmittel darstellte. Weltruf erlangte die Kurstadt durch die im Jahre 1866 von Georg von Liebig, Friedrich Kammerer und Rudolph Ritter von Vivenot entwickelten „Pneumatischen Kammern“, eine Apparatur, in der erhöhter Luftdruck erzeugt werden konnte. „Sitzungen“ in diesen Kammern führten vor allem bei Asthmatikern zu einer länger anhaltenden Linderung. Ab dem Jahre 1868 schuf der Königlich Bayerische Hofgarteninspektor Carl von Effner den heutigen Kurgarten, nachdem zuvor der Garten des Achselmannstein als Kurkarten gedient hatte. Bereits 1846 war zur Unterhaltung der Gäste im Achselmannstein eine Badmusik, vorerst ein Bläserensemble, entstanden, ehe man 1868 auf einen Klangkörper von Streichern unter der Leitung von Josef Gung’l umstellte. In dieser Kurkapelle sieht die heutige Bad Reichenhaller Philharmonie ihren Ursprung. Die heute als „Reichenhaller Tagblatt“ bekannte Lokalzeitung geht auf das 1841 erstmals erschienene „Wochenblatt für das königl. Landgericht Reichenhall“ zurück.

Die Verwandlung Reichenhalls zum Heilbad, das international vom Adel und Großbürgertum besucht wurde, bewirkte einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel in der Stadt. Die Bevölkerung fand nun Arbeit in den zahlreichen Kur- und Beherbergungsbetrieben, während Privatiers, wie der Adelige Josef Freiherr von Karg-Bebenburg, hier fest ansässig wurden. Auch die Geschäftswelt wurde differenzierter, nunmehr aus Läden für Luxusartikel und Genussmittel bestehend. Die Zahl der Kurärzte nahm kontinuierlich zu. Folkloristische Veranstaltungen zur Unterhaltung der Kurgäste gehörten ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert zum festen Bestandteil eines Kuraufenthalts.

Zum gesellschaftlichen Wandel gehörte auch die Etablierung einer Evangelischen Gemeinde. Während der Reichenhaller Raum ab dem Jahre 1849 nur von protestantischen Reisepredigern seelsorglich betreut wurde, erhielten die fest ansässigen Protestanten sowie evangelischen Kurgäste ab dem Jahre 1860 einen Betsaal in der Solereserve 3 der Saline. Nachdem Reichenhall 1875 zum Mittelpunkt einer neu entstandenen evangelischen Pfarrei für die mittlerweile stark angewachsene Gemeinde erhoben wurde, errichtete man 1881 in der Kurstadt eine eigene Kirche.

Obwohl es in Reichenhall mehrere Kurärzte und Hoteliers jüdischen Glaubens gegeben hat, ist es nie zur Entstehung einer Jüdischen Gemeinde gekommen. Allerdings wurde der Kurort von zahlreichen jüdischen Kurgästen besucht, weshalb es hierorts mehrere Restaurants gab, in denen koschere Speisen gereicht wurden und in denen sich Beträume befanden. Bis weit in die 1930er Jahre herauf galt Bad Reichenhall als traditionelles Bad für die Gästeklientel jüdischen Glaubens.


Königliches Bad; der mondäne Kurort vor dem Ersten Weltkrieg

Nach Errichtung einer Bahnlinie von Freilassing nach Bad Reichenhall 1866 konnten Kurgäste das Heilbad deutlich schneller und bequemer erreichen. Trotzdem führte die Weltwirtschaftskrise 1873 zu einem rund 12 Jahre anhaltenden Rückgang der Gästezahlen. Nach Überwindung der Krise verzeichnete das Bad fast jährlich neue Übernachtungsrekorde, einhergehend mit enormen Investitionen in die Kurinfrastruktur. Mit Schreiben vom 7. Juni 1890 gab der bayerische Prinzregent Luitpold dem Ansuchen der Gemeindebevollmächtigten nach und gestattete der Stadt den Zusatz „Bad“ im Ortsnamen führen zu dürfen. 1899 wurde Bad Reichenhall in den Reigen der königlichen Bäder aufgenommen.

Die staatliche Trägerschaft ermöglichte die Errichtung des Kurhauses durch Max Littmann (1899/1900), des Musikpavillons durch Eugen Drollinger (1905), der Neubau des Gradierhauses ebenfalls durch Drollinger (1909/10) sowie der Trink- und Wandelhalle wiederum durch Drollinger (1912). In den Jahren 1909 bis 1911 wurde Achselmannstein, das fortan als Axelmannstein firmierte, im Stil der italienischen Belle Époque zum Grandhôtel ausgebaut.

Am 1. Januar 1906 kam es zur Vereinigung der Landgemeinde St. Zeno mit der Stadtgemeinde Bad Reichenhall, nachdem sich in St. Zeno bereits seit den 1870er Jahren eine Villenkolonie entwickelt hatte und dort zahlreiche Beherbergungsbetriebe bestanden. Mit dem „Salus“ (1905), „Fürstenbad“ (1908) und „Viktoriabad“ (1911) entstanden vor dem Ersten Weltkrieg drei große Kurmittelhäuser, die auch architektonische Akzente in der Stadt setzten. 1909 ließ Friedrich von Hessing eine elektrische Drahtseilbahn von Bad Reichenhall auf die Gmainer Höhen anlegen. 1911 entstand das erste Sanatorium als Ganzjahresbetrieb. Um die Elektrifizierung der Bahnstrecke von Bad Reichenhall nach Berchtesgaden zu ermöglichen – der Rußausstoß der Dampfbetriebenen Lokomotiven führten in dem heilklimatischen Kurort immer wieder zu Beanstandungen – errichtete man von 1911 bis 1914 ein Wasserkraftwerk an der Saalach, wo mit der Schaffung einer Talsperre der Saalachsee entstand.

Bad Reichenhall erlebte 1911 seinen Höhepunkt als Weltkurort und überflügelte in den Gästezahlen sogar das im „Böhmischen Bäderdreieck“ gelegene Franzensbad. Das Hotel „Deutscher Kaiser“ wies von allen südbayerischen Hotels die größte Bettenkapazität auf; das „Axelmannstein“ das höchste Preisniveau. Mit annähernd 55 Prozent war der Anteil an ausländischen Gästen einer der größten in den Bädern Europas. Der Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 bildete die gravierendste Zäsur in der Kurgeschichte Bad Reichenhalls, dessen aristokratische und dem Großbürgertum angehörenden Kurgäste überwiegend aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, dem Zaristischen Russland sowie den südosteuropäischen Monarchien stammten. Während des Krieges wurden zahlreiche Hotels und Kureinrichtungen zu Lazaretten umfunktioniert.


Investitionen in der Zeit der Weimarer Republik; Radikalisierung

In Folge des Weltkrieges wurde der Adel entmachtet, in zahlreichen Ländern kam es zu Umstürzen und neuen Staatssystemen. Das Ausbleiben der Kurgäste führte in Bad Reichenhall zu einer Welle von Schließungen großer Beherbergungsbetriebe. In das entstandene Gästevakuum drängte schon bald der Mittelstand und das Kleinbürgertum, die schon 1921 die Gästezahlen der Vorkriegszeit egalisierten.

Um das Bad für ein mondänes Publikum erneut attraktiv zu machen, errichtete man 1925 beim Gasthof Mayerhof im Ortsteil St. Zeno einen Linienflughafen, der erst der dritte in ganz Bayern war. Einmal täglich legte ein Linienflugzeug die Strecke von München-Oberwiesenfeld nach Bad Reichenhall in 60 Minuten zurück. 1927/28 folgte der Bau eines sowohl in staatlicher als auch städtischer Trägerschaft befindlichen Kurmittelhauses, in dem sämtliche Kurmittel der Stadt vereinigt waren. Als zweite Seilschwebebahn in Bayern entstand 1927/28 nach Plänen von Louis Zuegg (System Bleichert) die Bahn auf den Predigtstuhl, die als damals innovativste und vollendetste Seilschwebebahn galt. Sie ist bis heute die älteste im Original erhaltene und ganzjährig verkehrende Großkabinen-Seilschwebebahn der Welt. Ein entscheidendes Motiv für den Bau der Bahn hatte die Aussicht auf attraktive Wintersportmöglichkeiten auf dem Gelände des Lattengebirges geliefert, nachdem bereits 1923 in Bayerisch Gmain zwei Sprungschanzen errichtet worden waren.

Mit der Schaffung der Neuen Saline 1925/26, die auf Grund der dort eingesetzten Thermokompressions-Verdampferanlagen zu den modernsten Einrichtungen dieser Art weltweit zählte, wurde der Salzproduktionsstandort Bad Reichenhall auf lange Sicht gesichert. Nach der Auflassung der Salinen Berchtesgaden 1928 und Rosenheim 1958 ist die Saline in Bad Reichenhall heute die einzige in Bayern. (Die Traunsteiner Saline war bereits 1912 stillgelegt worden.) Zu den herausragenden kommunalen Investitionen während der Zeit der Weimarer Republik zählte das vom „Krankenhausarchitekten“ Richard Schachner entworfene und in den Jahren von 1928 bis 1930 errichtete Städtische Krankenhaus.

Die 1920er Jahre hielten auch in Bad Reichenhall eine große Bandbreite dynamischer gesellschaftlicher Entwicklungen aber auch einer politischen Radikalisierung bereit. Hans Linder schuf auf dem Schroffen eine Ausflugsstätte, die als eine Kunstwelt aus Folklore und modernem Unterhaltungsangebot schon bald Kultstatus bei den Freunden volkstümlicher Musik genoss. 1925 übernahm die Stadt die Trägerschaft einer bis dahin privaten Mittelschule, deren Ursprünge auf das Jahr 1914 zurückgehen. Das heutige Karlsgymnasium geht auf diese Schule zurück. 1929 erlangte die Stadt die Kreisunmittelbarkeit.

Bereits 1920 versuchte man, in Bad Reichenhall den „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“, der die Weimarer Republik kategorisch ablehnte und sich antisemitisch gebärdete, dauerhaft zu etablieren, was allerdings nicht gelang. 1921 erfolgte die förmliche Gründung einer Ortsgruppe der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“, die sich wenig später wieder auflöste und 1923 wiederbegründet wurde. Nach dem so genannten Hitlerputsch am 9. November 1923 löste sich die Ortsgruppe erneut auf und spielte bis zur abermaligen Wiedergründung 1929 durch Josef Fallbacher keine Rolle auf kommunaler Ebene. Erst danach setzte eine ideologische Radikalisierung ein, was 1931 im Hotel „Deutscher Kaiser“ zu einer spektakulären Saalschlacht zwischen Nationalsozialisten und Leuten des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ führte.

Nationalsozialismus; Kriegszeit

Die Reichstagswahl vom 5. März 1933 sicherte der NSDAP in Bad Reichenhall, Karlstein und Marzoll die meisten Stimmen. Die Stimmergebnisse für die NSDAP lagen über dem Reichsdurchschnitt. In der Folge kam es zu Deportationen politischer Gegner. Die Handwerker Johann Winkler und Gottfried Reischl, Mitglieder einer kommunistischen Gruppierung, wurden 1936 deportiert und kamen ums Leben, nachdem sie gegen die nationalsozialistische Ideologie mittels Flugzettel agitiert hatten. Nach der Auflösung der örtlichen „Solzialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) im April 1933 wurde auch die Auflösung der „Bayerischen Volkspartei“ (BVP) erzwungen. Dem Chefredakteur des „Reichenhaller Tagblatts“, Max Wiedemann, wurde als überzeugtem BVP-Mann die Schriftleiterlizenz entzogen. Der Erste Bürgermeister, Karl Weiß, der mit einer Jüdin verheiratet war, wurde 1934 zunächst zum Stellvertreter des neuen Bürgermeisters Adolf Randelshofer degradiert, ehe er 1937 auch aus dieser Position entlassen wurde. 1940 entzog man der Stadt den Status der Kreisunmittelbarkeit.

Wiederholt von nationalsozialistischen Politikern als „Judenbad“ beschimpft, spielte Bad Reichenhall im Programm der Nationalsozialisten keine übergeordnete Rolle, sondern stand vielmehr im Schatten von Hitlers Residenz auf dem Obersalzberg im nahe gelegenen Berchtesgaden. Im Juli 1933 fand im Kurhaus Bad Reichenhall die „Reichsführertagung“ statt, bei der Adolf Hitler als Redner auftrat. Wenig später wurde hier eine Reichsführerschule SS gegründet.

1934/35 entstand auf der Karlsteiner Weitwiese die „General-Ritter-von-Tutschek-Kaserne“, in die das Gebirgsjägerregiment 100 einzog. 1936 wurde die baulich direkt daran angeschlossene „Mackensen-Kaserne“ fertiggestellt und der Artillerie übergeben. Die Idee zur Gründung einer Gebigsjägerkaserne in Bad reichenhall geht auf den Bad Reichenhaller Kurarzt Gustav Ortenau zurück, der bereits 1912 konkrete Überlegungen dazu angestellt hatte. Bis 1937 wurde Bad Reichenhall zu einem vollständigen Truppenstandort ausgebaut mit Offizierskasino, Offiziers- und Unteroffiziershäusern. Damit wurde Bad Reichenhall Garnisonsstadt.

Während der nationalsozialistischen Diktatur wurde die internationale Gästeklientel des Staatsbades zu Gunsten des staatlich gesteuerten inländischen Massentourismus zusehends zurückgedrängt. Der so genannte „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich am 13. März 1938 führte dazu, dass Bad Reichenhall nunmehr eine geographische Binnenlage einnahm und in Konkurrenz zu den benachbarten Tourismusdestinationen der „Ostmark“ treten musste. Jüdische Kurgäste konnten bis zum reichsweiten Verbot von Kuraufenthalten für Menschen jüdischen Glaubens 1939 neben Bad Kissingen nur noch Bad Reichenhall einigermaßen unbehelligt besuchen. Die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 führte dazu, dass die letzten in der Stadt verbliebenen Bürger jüdischen Glaubens Bad Reichenhall verließen. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden vorsorglich Reservelazarette eingerichtet. Zur offiziellen Deklaration Bad Reichenhalls als Lazarettstadt ist es allerdings nie gekommen, da sich in der Kurstadt zu Kriegsende der Führungsstab des „Oberkommandos des Heeres“, mehrere militärische Kommandostellen und Soldaten befanden. Am 22. November 1944 wurde der Ortsteil Staufenbruck von Flugezugen der „United States Army Air Forces“ (USAAF) bombardiert. Am 25. April 1945 forderte ein weiterer alliierter Bombenangriff auf das Stadtzentrum 215 Todesopfer. 66 Gebäude wurden total, 221 zum Teil schwer beschädigt. Unter dem Major Otto Eidt wurde Bad Reichenhall am 4. Mai 1945 kampflos den heranrückenden US-amerikanischen Einheiten übergeben.


Nachkriegszeit

Nach dem Kriegsende 1945 gehörte Bad Reichenhall zur Amerikanischen Besatzungszone. Bedingt durch Flucht und Vertreibung befanden sich um das Jahr 1947 rund 5000 Evakuierte, Flüchtlicnge und Vertriebene in Bad Reichenhall. Mit statistisch betrachtet 3,04 Einwohnern je Wohnraum galt die Kur- und Salinenstadt als die am stärksten belegte Gemeinde in ganz Bayern. Trotz der Knappheit an Wohnraum sowie Engpässen in der Versorgung kam es in den unmittelbaren Nachkriegsjahren zu einer geistigen und kulturellen Blüte in der Stadt.

1946 richtete die „United Nations Relief an Rehabilitation Administration“ (UNRRA) in der desarmierten Gebirgsjägerkaserne ein Lager zur Unterbringung so genannter Displaced Persons (DPs) ein. Dabei handelte es sich überwiegend um Menschen aus Osteuropa – vor allem Polen jüdischen Glaubens –, die von den Nationalsozialisten interniert oder als Zwangsarbeiter verschleppt worden waren. Diese warteten hier auf eine Möglichkeit der Repatriierung oder der Auswanderung. Bis zu seiner Auflösung im Jahre 1951 war das Lager mit zeitweise 6000 DPs belegt.

1946 feierte das noch deutlich von den Kriegsauswirkungen gezeichnete Bad Reichenhall das 100-jährige Bestehen des Bades. Im selben Jahr wurde der Kurbetrieb in bescheidenem Ausmaß wieder aufgenommen. 1951 konnte das Hotel Axelmannstein wieder eröffnet werden. Um die Wohnungsnot zu bekämpfen, wurde 1949 die stadteigene „Bad Reichenhaller Wohnbaugesellschaft“ gegründet. Am 1. April 1948 erhielt Bad Reichenhall erneut seine Kreisunmittelbarkeit.

1955 wurde auf intensives Betreiben des Oberbürgermeisters Walther Neumayer in Bad Reichenhall Bayerns erste Spielbank errichtet (eine ältere Spielbank befand sich in Lindau am Bodensee, das damals allerdings noch nicht dem Freistaat Bayern eingegliedert war). Mit Hilfe der Spielbankabgabe wurden wichtige Investitionen im Bereich der Schulen, des Sozialen Wohnungsbaus, des Krankenhauses, der Kurinfrastruktur und des Straßenbaus getätigt. 1955 errichtete man einen Sessellift auf den Stadtberg.

Der in den 1950er zeitweise gemachte Versuch, Bad Reichenhall zu einer festen Adresse im Wintersport zu machen, scheiterte. 1953 etablierte man am Krankenhaus die „Bad Reichenhaller Forschungsanstalt für Krankheiten der Atmungsorgane“, deren seither jährlich durchgeführtes Kolloquium sich zu einer der größten Fachtagungen über Atemwegs- und Lungenerkrankungen im deutschen Sprachraum entwickelt hat. Drei Jahre nach Gründung der Bundeswehr zog 1958 das Gebirgsjägerbataillon 28 mit rund 600 Mann in die Bad Reichenhaller Jägerkaserne ein, die ab 1966 den Namen „General-Konrad-Kaserne“ trug – benannt nach dem Wehrmachtsgeneral – und nach anhaltender Kritik daran seit 2012 „Hochstaufen-Kaserne“ heißt.


Wirtschaftswunder und Investitionen; Gebietsreform und Eingemeindungen

Die wirtschaftliche Erstarkung der Bundesrepublik Deutschland wirkte sich umgehend auf den Inlandstourismus aus, insbesondere auf den Besuch der Heilbäder. In Bad Reichenhall investierte man seit den 1960er Jahren intensiv in die Attraktivität und Profilschärfung des Kurortes. 1962/65 wurde das Krankenhaus deutlich erweitert, 1968/69 kam eine Spezialklinik für Asthma und Bronchitis hinzu. Über das gesamte Stadtgebiet verteilt entstanden zahlreiche von verschiedenen Landesversicherungsanstalten getragene Spezialkliniken und Kureinrichtungen, was einen „Klinik-Look“ des Kurortes bewirkte.

Nach ersten Überlegungen, die bis in das Jahr 1954 zurückreichen, konnte 1970 ein Soleschwimmbad mit Außenbecken, das „Rupertusbad“, eröffnet werden. Unter dem Eindruck der Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen entstand 1970 eine Sporthalle und 1972/73 das ehrgeizige und rund 15,4 Millionen DM teure Projekt einer kombinierten Eislauf-, Tennis- und Schwimmhalle. Von 1974 bis 1976 wurden die Ludwigstraße und ein Teil der Salzburger Straße trotz anfänglichen Protests in eine Fußgängerzone umgewandelt. Mit gut 1,8 Millionen Übernachtungen erreichte Bad Reichenhall 1975 einen seither nie mehr erreichten Höchststand an Kurgästen.

Trotz aufsehenerregender Investitionen und der Ansiedlung zahlreicher Schulen und Ämter gelang es der Stadt nicht, ihren Status der Kreisunmittelbarkeit aufrechtzuerhalten. Im Zuge der so genannten Gebietsreform wurde Bad Reichenhall am 1. Juli 1972 dem neu geschaffenen Landkreis Bad Reichenhall eingegliedert und zur Großen Kreisstadt erhoben. Der Name des Landkreises wurde 1973 in „Berchtesgadener Land“ umbenannt. Am 1. Mai 1978 wurden die zuvor selbstständigen Gemeinden Karlstein und Marzoll nach Bad Reichenhall eingemeindet.


Gesundheitsreform und Strukturreform des Staatsbades; Rückgang der Kurgastzahlen; „Eishallenunglück“

Mit der Errichtung des „Kurgastzentrums“, das 1988 eröffnet wurde, erhielt Bad Reichenhall eine neue Geschäftsstelle der Kurverwaltung, Räume für den Kur- und Verkehrsverein, Veranstaltungsräume, einen Theatersaal, Räumlichkeiten für die Spielbank, Gastronomie und Geschäftsräume. 1992 erfolgte die Umwandlung der Poststraße in eine Fußgängerzone. Unter dem Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier wurde 2005 die an der Stelle des „Rupertusbades“ um 32 Millionen Euro neu entstandene „Rupertustherme“ eingeweiht, die 2011 noch einmal um ein Sport- und Familienbad erweitert wurde.

Das seit Mitte der 1990er Jahr allgemein in einer Krise sich befindliche Kurwesen verursachte auch in Bad Reichenhall einen Strukturwandel. Das 1996 verabschiedete Gesetz zur Gesundheitsreform schränkte die Kuren als Leistung der gesetzlichen Kassen deutlich ein und führte in der Folge zu einem teils empfindlichen Rückgang der Kurgastzahlen, womit für die Stadt große Einnahmen wegbrachen. 1997 erfolgte mit der Strukturreform der Bayerischen Staatsbäder die Schaffung einer „Kurbetriebsgesellschaft“ (KurGmbH), bei der der Freistaat Bayern nicht mehr alleiniger Träger, sondern nur mehr Gesellschafter ist, der ankündigte, sich in der Zukunft noch weiter zurückzuziehen. Weitere Gesellschafter sind die Stadt Bad Reichenhall und die Gemeinde Bayerisch Gmain. Seit dem touristischen Hoch um die Mitte der 1970er Jahre haben sich die Gäste- und Übernachtungszahlen mittlerweile halbiert.

Am 2. Januar 2006 stürzte das Dach der Eislaufhalle ein. Unter den 15 Toten befanden sich überwiegend Kinder; weitere 34 Menschen erlitten teils schwere Verletzungen. Den Ermittlungsergebnissen der Staatsanwaltschaft zufolge waren Mängel bei der Planung und beim Bau der Halle die Hauptursachen für den Einsturz. Dazu zählte unter anderem der für die außerhalb der üblichen Norm dimensionierten mächtigen Hohlkasten-Träger verwendete Leim, der nicht feuchtigkeitsbeständig war und daher die Tragfähigkeit mit der Zeit minderte. Bei der nur wenige Monate nach dem Einsturz des Eishallendaches erfolgten Oberbürgermeisterwahl siegte der Herausforderer Herbert Lackner gegen den Amtsinhaber Wolfgang Heitmeier in der Stichwahl.


Literatur

Johannes Lang: Geschichte von Bad Reichenhall, 2009 http://www.heimatkundeverein-reichenhall.de/weiterepublikationen.html

Links

Historischer Stadtrundgang http://www.bad-reichenhall.com/medien/historstadtrundgang-deutsch-2013.pdf

Stadt Bad Reichenhall http://www.stadt-bad-reichenhall.de/de/home/

Webcam Reichenhaller Haus am Hochstaufen http://www.foto-webcam.eu/webcam/hochstaufen/

Bearbeitung: Johannes Lang