Gradierhaus Bad Reichenhall

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Gradierwerke dienten ursprünglich dazu, die „Grädigkeit“, das heißt den Salzgehalt von Sole (Salzwasser), durch Verdunstung zu erhöhen und dadurch Brennmaterial bei der Salzherstellung einzusparen. Später erkannte man die heilende Wirkung von salzhaltiger Luft und nutzte Gradierwerke als Inhalatorien unter freiem Himmel.

Beschreibung

Darstellung des ersten Reichenhaller Gradierhauses aus dem 18. Jh.
Lage der Gradierhäuser vor der Stadt. Plan um 1800

Das Gradierhaus im Kurgarten von Bad Reichenhall wurde in den Jahren 1909 bis 1910 unter der Leitung des königlichen Hofoberbaurats Eugen Drollinger als Freiluftinhalatorium errichtet. Das Gebäude ist 163 Meter lang, während der Mittelpavillon eine Höhe von 23 Meter aufweist. An den Längsseiten der Anlage befinden sich die Gradierwände. Sie bestehen aus etwa 100 cm bis 120 cm langen, übereinander geschichteten Schwarzdornzweigen (Schlehe) und sind 13 Meter hoch und 148 Meter lang, so dass pro Seite etwa 1.920 Quadratmeter Gradierfläche zur Verfügung stehen. Die Gradierung erfolgt weitgehend in herkömmlicher Weise in der Regel von April bis Oktober. Auf der dem Wind zugewandten Seite rieselt fünfprozentige Sole (Salzwasser) über die Dornwände. Der Inhalationseffekt ist auf der gegenüber liegenden Seite, wo keine Sole tröpfelt, größer, da der Luftstrom die Salzpartikel mit trägt. Von April bis Oktober werden regelmäßig Führungen angeboten, bei denen unter anderem die alte Technik im Dachgeschoss des Gradierhauses besichtigt und erklärt wird.

Geschichte

In Bad Reichenhall gehen die ersten Versuche, Sole mit Hilfe der Sonneneinstrahlung und des Windes verdunsten zu lassen, um den Salzgehalt zu erhöhen und damit Brennmaterial einzusparen, auf das 16. Jahrhundert zurück. Im Jahre 1615 erbaute man dann das erste „Leckwerk“, das auf dem System der Strohgradierung basierte. Dabei rieselte Sole über aufeinandergestapelte Strohbüschel. Die Anlage erfüllte aber nicht die in sie gesetzten Erwartungen und bereits nach einem Jahr wurde der Betrieb eingestellt. Das 1745 erbaute Dornwand-Gradierhaus war mit 18 Metern Länge zu klein bemessen. Deshalb wurde im Jahre 1758 ein Gradierwerk nach hessischen Vorbildern errichtet, das 160 Meter lang und 19 Meter hoch war. Die Sole wurde durch Pumpen in das Dachgeschoss des Gradierhauses gehoben. Ein unterschlächtiges Wasserrad trieb diese Pumpen an. In den Jahren 1761 bis 1764 baute man direkt anschließend noch ein zweites Gradiergebäude hinzu, das mit einem Steg im Dachgeschoss mit dem ersten Gebäude verbunden wurde. Nachdem die Anlage 1790 noch einmal verlängert worden war, betrug ihre Gesamtlänge 430 Meter. Im Jahre 1848 ersetzte ein kompletter Neubau die Anlage. Lage und Ausrichtung des Vorgängerbaus wurden übernommen, und die Gebäude auf 720 Meter verlängert. Die Sole hoben nun neue von Georg von Reichenbach konstruierte Pumpen in die Höhe, die mit einem Wasserrad angetrieben wurden.

Ab 1846 nutzten die Kurgäste des Bades Achselmannstein (Axelmannstein) die benachbarten Gradierhäuser als Freiluftinhalatorium, weil dort die salzhaltige Luft eingeatmet werden konnte. Die Wiese um die Gradierhäuser wurde in den 1850er Jahren gärtnerisch gestaltet und 1868 der heutige Kurpark nach Plänen des Königlichen Hofgarteninspektors Carl von Effner angelegt. Zwischen 1869 und 1888 wurde der größte Teil der Reichenhaller Gradierwerke abgerissen, da die Entwicklung der Salinentechnik die aufwändige Gradierung überflüssig machte. Einen 170 Meter langen Teil aber ließ man stehen, um ihn weiterhin für Kurzwecke nutzen zu können. Dazu wurde das Gradierhaus 1872 für die Bedürfnisse der Kurgäste umgebaut. Auf beiden Seiten fügte man erhöht liegende, überdachte Wandelgänge an. 1910 baute man ein neues, vom Königlichen Hofoberbaurat Eugen Drollinger geplantes Gradierhaus. Der Neubau hatte nichts mehr von einem nüchternen Industriegebäude wie seine Vorgänger, sondern war ganz auf seine Funktion als Freiluftinhalatorium ausgerichtet. Auf eine ansprechende Architektur und aufwändige Ausgestaltung der Bauelemente wurde dabei größter Wert gelegt. Auch hinsichtlich der verwendeten Baustoffe hat Drollinger Außergewöhnliches geschaffen, er baute das Gradierhaus zu Teil aus dem damals noch neuen Baustoff Beton. Betonpfeiler und -Riegel im unteren Geschoss tragen die Holzkonstruktion des Obergeschosses. Von 1981 bis 1983 wurde das mittlerweile unter Denkmalschutz stehende Gebäude grundlegend saniert. Eine größere Renovierung erfolgte in den Jahren 2008 bis 2011.

Literatur

Andreas Hirsch: Von Brennholzersparnis zur Gesundheitseinrichtung. Die Geschichte der Solegradierung in Bad Reichenhall, Heimatblätter 3/2016 http://www.heimatkundeverein-reichenhall.de/downloads/hb/hb_2016_drei.pdf

Johannes Lang (Hg.): Salz - Sole - Heilbad in den Alpen. Beiträge zur Salinen- und Kurgeschichte Bad Reichenhalls, Bad Reichenhall 2017. http://www.heimatkundeverein-reichenhall.de/weiterepublikationen.html

Link

http://www.bad-reichenhall.com/de/koeniglicher-kurgarten-mit-gradierhaus/

Bearbeitung: Andreas Hirsch