Karlsteiner Perchten

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Karlsteiner Perchten beim Mesnerbauern

Bei den Karlsteiner Perchten handelt es sich um so genannte Schönperchten. Weiß gekleidet, mit schwarzer Zipfelmütze, einem Gürtel mit Kuhglocken am Rücken, ohne Ruß im Gesicht und ohne Masken ziehen sie von Haus zu Haus und wünschen den Bewohnern Glück. Dafür erhalten sie eine Brotzeit und kleine Spenden. Der Lauf in der letzten der 12 Rauhnächte, am Vorabend des Festes Heilige Drei Könige (Epiphanie, 6. Januar), beginnt um 15 Uhr mit einem Gebet und einer kleinen Stärkung beim Mesnerbauern und endet nach Mitternacht beim Kugelbachbauern.

Der Ablauf unterliegt strengen Regeln: Nicht mehr als 12 Karlsteiner Junggesellen laufen durch Karlstein. Jeder darf nur bis zu zwölfmal mitlaufen. Angeführt werden sie von der „Perschtnmuatta“ (Perchtenmutter), demjenigen Percht, der die meisten Läufe mitgemacht hat.

Der Perchtenlauf soll seit dem 17. Jahrhundert üblich gewesen sein und ist wohl vor 1900 aufgegeben worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Brauch von Mitgliedern des Trachtenvereins „Kranzlstoana Karlstein“ wieder ins Leben gerufen.


Krampus und Percht zwischen Brauchtum und Event

„Der Kritische Kommentar“ von Stadtheimatpfleger PD Dr. Johannes Lang in: Der Pulverturm 2001, S. 34

Der folgende, vom gezeichneten Autor verfasste Bericht einer Podiumsdiskussion kam am 14. November 2001 in stark gekürzter Form im „Reichenhaller Tagblatt“ zum Abdruck.

Großveranstaltungen von Krampus- und Perchtenläufen sehen sich seit den letzten Jahren vermehrt einer negativen Kritik ausgesetzt, und immer öfter wird die Frage erhoben, ob hier in Anbetracht kommerzialisierter und inszenierter Shows überhaupt noch von Brauchtum gesprochen werden könne. Zu einer Veranstaltung der besonderen Art versprach eine vom Referat für Salzburger Volkskultur angeregte Podiumsdiskussion zum Krampus- und Perchtenbrauchtum zu geraten. Bereits ein Blick auf die Gesprächspartner ließ einen kontroversen Abend erahnen, zumal mit Dr. Ulrike Kammerhofer vom Volkskundeinstitut, Prof. Anton Bucher vom Institut für Praktische Theologie, Michael Friesacher, seines Zeichens Obmann der Anifer Krampusse und Cornelia Lichtenegger vom Kinderschutzzentrum Salzburg höchst unterschiedliche Diskussionsteilnehmer auf dem Podium versammelt waren. Von den anwesenden Gästen, die den Saal der „Salzburger Nachrichten“ nur zu etwa ¾ füllten, fielen besonders die zumeist jungen und teilweise uniform gekleideten Vertreter von Krampus- und Perchtenpassen auf.

Dr. Kammerhofer bot in Ihrer die Diskussion eröffnenden Stellungnahme einen wissenschaftlich geprägten Blick in die Entwicklungsgeschichte, beginnend bei der katholischen Katechese des Frühmittelalters, in welcher der hl. Nikolaus von Myra die Rolle der heidnischen Frau Berchta übernahm, und führte hinauf zur Entdeckung der mittelalterlichen Teufelsgestalt, die seit dem Spätmittelalter — als Gegenpol zum absolut Guten — den Nikolaus begleitet. Hier seien, so die Referentin, zwei ritualisierte Figuren in einem Spiel mit festgesetzten Regeln entstanden, worin sich auch das damalige Weltbild widergespiegelt habe. Im ritualisierten und stilisierten Ausdruck eines für den Großteil der Bevölkerung geltenden bestimmten Weltbildes wollte Kammerhofer auch den eigentlich Wesenszug von Brauchtum verstanden wissen und unterschied hier deutlich die Grenze zum sogenannten Event, welches kein Weltbild mehr vermittle, sondern in erster Linie Marketinginteressen verfolge. Der Großteil gegenwärtiger Krampus- und Perchtenläufe sei aber mittlerweile auf letztgenannte Rubrik zu reduzieren. Von dem zur Zeit der Gegenreformation entwickelten Spiel aus himmlischen (Nikolaus) und höllischen (Krampus) Gefolge sei ursprünglich aufgrund allgemein akzeptierter Spielregeln keine direkte Bedrohung ausgegangen. Dagegen seien heute angesichts eines freien Treibens der finsteren Gesellen diese Spielregeln oftmals nicht mehr bewusst. Percht hingegen werde heute in der Regel als Synonym für Maske gesehen und nicht mehr verstanden. In der Fachliteratur hatte die Leiterin des Volkskundeinstituts schon vor einiger Zeit den Begriff der „Krampusperchten“ geprägt, um der vermehrt zu beobachtenden Vermengung aus Krampus- und Perchtenspektakel Ausdruck zu verleihen.

Gegen diese Vermischung verwahrte sich Friesacher, indem er die Charakteristika beider Brauchtumsspielarten unterstrich: Während den Krampussen als der Verkörperung des Bösen am 5. und 6. Dezember ein nur sehr eingeschränktes Repertoire zukomme, sei es die Aufgabe der Perchten — Schön- und Schiachperchten, — nach der Wintersonnenwende des 21. Dezember die Dunkelheit zu vertreiben. Das Schaulaufen mehrerer Krampuspassen sei ein Ergebnis zunehmender Verstädterung, in den Salzburger Gebirgsgauen allerdings bereits im 18. Jahrhundert belegt. Ursprünglich sei man nämlich von Hof zu Hof gezogen. Der Obmann der Anifer Krampusse warnte vor einer Austauschbarkeit und dem Beliebigwerden dieses Brauchs und richtete seine Kritik gegen Krampus- und Perchtenpassen, die in großzügiger Auslegung oft schon zu Beginn des Monats November mit ihrem Treiben anfingen. Die Dominanz des Nikolaus müsse in jedem Fall gewahrt sein und nicht, wie es mittlerweile vielfach der Fall sei, durch eine Übermacht an Krampussen abgedrängt werden. Unterstützung fand Friesacher in mehreren Perchtenobmännern vor allem aus den Gebrigsgauen, wo der Perchtenbrauch in vielen Tälern eine mehrhundertjährige ununterbrochene Tradition aufweist, und die sich nun zu Wort meldeten. Dabei wurde die zwischen den einzelnen Passen teilweise ausgesprochen großen Rivalitäten deutlich, die nun verbal offen ausgetragen wurden. Während die Traditionspassen den oft erst kürzlich gegründeten Gruppen (Originalton: „wilde Passen“) Ignoranz und Beliebigkeit vorwarfen, wehrten sich die zumeist jungen Krampusse und Perchten, von denen einige das Referat Kammerhofers bereits durch Ruhestörung boykottiert hatten, gegen die vermeintliche Vorhaltung, nicht Brauchtum, sondern Events zu pflegen.

Es zeigte sich, dass viele, die sich nun zu Wort meldeten, den Verweis auf das „mit der Muttermilch eingeflößte Brauchtum“ dafür verwendeten, sich als Redner in diesem Kreis zu legitimieren. Sie griffen die Kommerzialisierung von Großveranstaltungen an allen möglichen und unmöglichen Orten heftig an, wobei von 10.000 DM und mehr pro Veranstaltung die Rede war. Die Angesprochenen argumentierten dagegen, die teure Ausrüstung — immerhin belaufen sich Maske und Fell auf oft 7.000 DM und mehr — irgendwie finanzieren zu müssen. Dass sich auch ein Event zum Brauchtum entwickeln könne, stellte Kammerhofer nicht in Abrede, gab aber zu bedenken, dass ein derartiges Spektakel gesellschaftlichen Ansprüchen genügen und eine Botschaft vermitteln müsse. In dieselbe Kerbe schlug auch Mag. Lucia Luidold, Leiterin des Referats für Volkskultur, indem sie darauf hinwies, dass Brauchtum nichts Kurzfristiges sein könne, sondern Substantielles beinhalten müsse.

Mit zunehmender Hitzigkeit in der Diskussion, die vom Moderator oft nur mehr schwer zu kontrollieren war, kamen die von den traditionellen Passen angeprangerten Missbräuche und Fehlentwicklungen zur Sprache: Es sei nicht zu dulden, während des Salzburger Bauernherbstes im Oktober Perchtengruppen auftreten zu lassen. Auch werde seit einigen Jahren am Gollinger Wasserfall ein mit Lasershow und Diskomusik unterstütztes Perchtenspektakel abgehalten, unterstützt von mitternächtlichen Böllerschützen und Aperschnalzern, die überdies „in fremden Gefielden wilderten“. Eine andere Pass habe hingegen als „pädagogische Maßnahme“ den „Kuschelkrampus“ eingeführt, was für einiges Gelächter sorgte.

Das rief nun die Gilde der Pädagogen auf den Plan. Der Theologe Prof. Bucher hatte zuvor kategorisch das Wohl der Kinder gefordert, und sich ausdrücklich von jeglichem pädagogischen Sadismus distanziert. Dies könne bei Kindern zu Traumata führen, weshalb dem Nikolaus eine außerordentlich große Verantwortung zukomme, seine Krampusse im Zaum zu halten. Zudem trat er für eine zeitliche Eingrenzung des Krampusbrauchs auf den 5. und 6. Dezember ein. Mehrere Frauen und Mütter, von denen sich einige selbst als Krampus-Geschädigte bezeichneten, schalteten sich nun in die Diskussion ein. Der während der Diskussion mehrfach gefallenen Aussage von der „G‘sunden Watsch’n“ wurde heftigst widersprochen, auch die Alkoholisierung und damit verbundene Enthemmung und Gewalttätigkeit von Krampussen und Perchten scharf kritisiert. Der sofort einsetzende lautstarke Protest, der von Seiten einiger junger Krampuspassen kam, wirkte freilich wenig glaubhaft in Anbetracht etlicher leerer Bierflaschen, die sich unter den Stühlen der zumeist Jugendlichen und jungen Leuten bereits während der Diskussionsveranstaltung stapelten. Auch sei, so meldeten sich Betroffene zu Wort, die Begegnung mit Krampussen und Perchten, die man mittlerweile über fast 3 Monate im Jahr zu gewärtigen habe, zu unberechenbar. Es müsse möglich sein, sich auf Straßen und Plätzen frei und sicher bewegen zu können. Laut Lichtenegger dürfe es nicht zu gezwungenen Situationen kommen.

Kammerhofer machte auf die Gefahr aufmerksam, die von sogenannten „freien Kramperl“, die sich keiner Pass unterordneten und nicht registriert seien, ausginge. Hier werde, so eine Diskussionsteilnehmerin, unter der Anonymität der Maske hemmungslos das getan, wozu man im normal-bürgerlichen Leben nie imstande sei. Einige, die sich offenbar angesprochen fühlten, verließen daraufhin unter schimpfendem Protest den Saal. Schließlich ergriff der Vertreter einer Traditionspass aus dem Gasteiner Tal das Wort und kritisierte die zu beobachtende martialische Entwicklung der Masken aufs Heftigste. Krampus- und Perchtenmasken müssten sich deutlich voneinander unterscheiden. Die Masken seien aber heute immer öfter ein Abbild von Fratzen, wie man sie nur aus den Horrorfilmen Hollywoods („Aliens“) kenne. Der subtile Bereich der Maskierung führt zweifellos auf eine psychologische Ebene, so dass die Beurteilung eines Psychologen zu dieser Beobachtung einer „Masken-Aufrüstung“ interessant gewesen wäre. Was beispielsweise — so könnte man abschließend fragen — veranlasst einen Autofahrer, einen Aufkleber ans Heck seines Fahrzeuges zu heften, worin eine schaurige Krampusperchtenmaske mit der Umschrift „State of the art“ („Der Stand der Kunst“) gezeigt wird? Soll hier etwa neben dem Geschäft mit der Angst auch das Grauenvolle ästhetisiert werden?

Es seien noch folgende Anmerkungen erlaubt: Insgesamt gestaltet sich die auf historische Quellen gestützte Rekonstruktion des Perchtenwesens in unserem Raum als durchaus problematisch. Die Brauchtumsforscherin Marie Andree-Eysn hat im Jahr 1905 in einem für die gesamte Brauchtumsforschung wegweisenden Artikel über „Die Perchten im Salzburgischen“ recherchiert und konnte zu jener Zeit nur mehr im Salzburger Pinzgau und Pongau eine Kontinuität in der Perchtentradition erkennen. Trotzdem war die heidnische Frau Berchta auch im Reichenhaller Raum bekannt, wie die lokalen Erzählungen noch in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts belegen. Der in Reichenhall tätige Lehrer Rabenhofer gab 1927 an, das Perchtenlaufen sei wohl vor der Jahrhundertwende in Karlstein und Bayerisch Gmain ein üblicher Brauch gewesen, doch wissen wir nicht, in welcher Form dieses Brauchtum einst vonstatten ging.

Nach dem von der vaterländischen Volkskunde geprägten Andreas Schmeller ist das Wort Bercht vom althochdeutschen „beraht“ abzuleiten, was Glänzend bzw. Prächtig bedeutet. So sei die Frau Bercht eher als Lichtgestalt zu sehen, allerdings mit dem doppeldeutigen Januskopfe versehen: „In den Gebirgen um Traunstein pflegt man den Kindern am Vorabend Epiphanie zu drohen, dass die Berche kommen und ihnen den Bauch aufschneiden werde, wenn sie bös sind.“ Ein Gespräch mit älteren Mitmenschen im Rupertiwinkel ergab, dass der Glaube an die Frau Bercht sehr wohl im Volk verankert gewesen sei, an ein Perchtenlaufen mit Schiachperchten, wie es heute erfolgt, könne man sich allerdings nicht erinnern. Paul Werner zitiert in seinem nicht unumstrittenen Buch über das Weihnachtsbrauchtum mehrere Erlässe der gefürsteten Propstei Berchtesgaden, worin vom Perchtenlauf die Rede ist, räumt allerdings ein, dass es sich hier auch um Buttenmandl gehandelt haben könnte. Außerdem fällt in den Quellen immer wieder der Vorabend von Epiphanie (5. Januar) auf als der Tag, an dem Perchtenläufe gemeinhin durchgeführt wurden.

Was lässt sich also für die Reichenhaller Situation aussagen: Tatsächlich gibt es bisher keine stichhaltigen Quellen für ein lokales Perchtenbrauchtum mit Ausnahme der Karlsteiner Perchten, die durch ihr besonderes und elitär anmutendes Auftreten einen originären Charakter in sich bergen. Ihnen sollte in der Öffentlichkeit ein breiteres Interesse geschenkt werden. Den wilden Krampusperchtenlauf, wie er — durch die unvermeidbare Ausstrahlung aus dem Salzburger Grenzraum — seit einiger Zeit auch im Reichenhaller Raum verhältnismäßig beliebig und zumeist aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten heraus betrieben wird, hat es in dieser Form sicherlich nie gegeben. Man vermisst sowohl das polarisierte Element des Guten (z. B. Schönperchten), noch hat man den Eindruck, dass durch ein bestimmtes Ritual eine abstrakte Botschaft zu erkennen ist. Oder sollte etwa gerade dies die zu vermittelnde (in diesem Fall durchaus anspruchsvolle) Botschaft sein, dass unsere Zeit eben ausschließlich die Kommerzialisierung in allen Bereichen vorbetet?


Quellen

Gebirgstrachten-Erhaltungsverein D`Kranzlstoana Karlstein e.V. http://www.kranzlstoana-karlstein.de/index.php

Gabi Hassinger: Glockengeläut vertreibt „Wintergeister“, Reichenhaller Tagblatt v. 08.01.2008

Johannes Lang: Krampus und Percht zwischen Brauchtum und Event, „Der Kritische Kommentar“ in: Der Pulverturm 2001, S. 34

Johann Andreas Schmeller: Bayerisches Wörterbuch, Band 1/1, Sp. 269 – 272. http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00005026/images/index.html?id=00005026&groesser=&fip=193.174.98.30&no=&seite=151


Bearbeitung: Andreas Hirsch