Milchzentralisation und Milchstreik nach dem Ersten Weltkrieg

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Nonner Bäuerinnen bei der Frischmilchlieferung nach Bad Reichenhall, um 1911
Nonner Bauernmädchen bei der Milchlieferung nach Bad Reichenhall, um 1924

Milchzentralisation, Milchstreik, Landesfettstelle

Die vorstehenden Begriffe waren 1918/19 die Themen einer Auseinandersetzung zwischen dem Magistrat der Stadt Bad Reichenhall und den Bauern der Umgebungsgemeinden. Die Bauern der vereinigten Gemeinden des Bezirks Reichenhall-Nord: ( Marzoll, Piding, Aufham, Högl und Stoißberg = Anger ) protestierten am 21. Oktober 1918 bei der Landesfettstelle in München gegen die Einführung der Zentralversorgung für Milch. In den der Stadt näher gelegenen Gemeinden: ( Karlstein/Nonn, Bayerisch Gmain und St.Zeno ) waren die Bauern zwar ähnlicher Meinung, verhielten sich jedoch kooperativer. In mehreren Sitzungen vom September 1918 bis Juni 1919 musste der Magistrat der Stadt Bad Reichenhall die Thematik behandeln. Bereits im Frühjahr 1918 hatte die Landesfettstelle vom Magistrat der Stadt gefordert, die Milchversorgung für die Bewohner der Stadt zentral zu organisieren. Bis dahin hatten die Bauern ihre Milch direkt zu ihren Abnehmern in die Stadt geliefert.

Gegensätze bei der Versorgung zwischen Kurgästen und einheimischer Bevölkerung

Die Mengen der eigenen Region reichten nicht aus, um alle Bewohner und zusätzlich die Kurgäste zu versorgen. Manche Kurgäste waren damals in Bad Reichenhall nicht nur zur Kur, sondern auch in der Hoffnung auf eine bessere Lebensmittelversorgung während des Ersten Weltkriegs. Im Gegensatz zu früheren Kriegsjahren waren im Winterhalbjahr 1918/19 mehr Gäste am Ort als davor, obwohl für den Aufenthalt eine Sondererlaubnis notwendig war. Dies verschärfte die durch den Krieg entstandene Notlage, deshalb war man auf zusätzliche Zuweisungen durch die Landesfettstelle angewiesen. Der Konflikt mit den Landwirten wurde zudem überlagert von einem Gegensatz der Interessen zwischen den Fremdenverkehrsbetrieben und der übrigen Bevölkerung. Nach alter Tradition wurde Frischmilch auch als Kurmittel vermarktet. Um falsche Anreize zu verhindern, forderte der Arbeiterrat, die Milch dürfe an die Kurgäste nur zum gleichen Preis wie an die einheimische Bevölkerung abgegeben werden. Für einen Liter Milch wurden Ende 1918 von den Gästen, statt der festgelegten 44 Pfennige, 90 Pfennig und mehr verlangt. Der Soldatenrat forderte die Einheimischen und das Lazarett müssten, bei der Versorgung mit Milch, den Vorrang vor den Fremden haben.

Organisation der Versorgung

Die Landesfettstelle war eine Organisation der Zwangsbewirtschaftung für Lebensmittel, sie wurde bereits zu Beginn des Ersten Weltkrieges eingerichtet und wurde bis 1922 von Anton Fehr geleitet, Mitglied des Bauernbundes und später Minister für Landwirtschaft. Im Frühjahr 1918 konnte der Magistrat der Stadt Bad Reichenhall die Forderung der Landesfettstelle, die Zentralversorgung einzuführen, noch abwehren. Als sich jedoch zum Ende des Krieges die Versorgungslage dramatisch verschlechterte, beschloss der Magistrat am 24.9.1918 die sogenannte Milchzentralisierung einzuführen, weil sonst die Landesfettstelle zusätzliche Milchzuweisungen verweigert hätte. Die Bauern sollten die Milch bei der Molkerei "Spieldiener" in Bad Reichenhall abliefern, von dort sollte die Milch über die einzelnen Verkaufsstellen zu den eingetragenen Berechtigten gelangen. Beginnen sollte das neue Bezugssystem am 1. November 1918. Bis dahin war die Milch nur über die Milchkarte rationiert, jeder konnte sich mit Hilfe höherer Bezahlung zusätzliche Mengen beschaffen. Finanziell schlechter gestellte Einwohner konnten auf diesem Weg nicht mithalten. Um den Ablauf der Zentralisierung und die Ablieferungsmengen zu sichern, wurde ein Milchkontrolleur ( für eine Monatsentlohnung von 250 Mark ) eingestellt. Die Bauern meinten bei ihrem Protest, diese Entschädigung würde die Milch unnötig verteuern, früher seien die Kontrollen ehrenamtlich erfolgt. Aufgabe des Milchkontrolleurs war es auch, das sogenannte " Milchpantschen " mit Wasser zu unterbinden. Die Bauern sollten für den Liter Milch 30 Pfennig bekommen, die Endbezieher 44 Pfennig bezahlen. Bei dieser Differenz erschien es den Bauern lukrativer, direkt die Verbraucher zu beliefern. Sie argumentierten vor allem damit, dass die Qualität der Milch durch das Zentralsystem schlechter und der Preis für den Kunden höher würde, außerdem würden die 30 Pfennig ihre Kosten nicht decken. Unter diesen Bedingungen wäre es wirtschaftlicher, die Milch an die Kälber zu verfüttern. Besonderen Widerstand zeigten dabei die Marzoller Bauern. Die Landwirte der anderen Gemeinden ließen eher Einsicht in die Notwendigkeit der Zentralisierung erkennen. Nachdem mit dem Ende des Krieges im November 1918 Kaiser- und Königreich zusammengebrochen waren, wurde vom inzwischen gegründeten Volks-und Soldatenrat die Entscheidung des Magistrats vom September zur Milchzentralisierung erneuert.

"Milchstreik" und Versorgungsengpass

Anfang Februar 1919 eskalierte die Streikhaltung der Bauern: Statt der Tagesmenge von 2000 Liter wurden nur 575 Liter angeliefert, davon aus Marzoll lediglich 10 Liter. Die Tagesration musste auf 1/8 Liter pro Erwachsenen gekürzt werden, für Kinder und Schwangere galten Sonderregeln. Die Landesfettstelle sandte auf Anforderung des Bezirksamtes per Expressgut zusätzlich kondensierte Milch.

Trotz der Warnung der Behörden und Androhungen des Soldatenrates, die Kühe der Bauern zu beschlagnahmen, ging der Streik der Milchproduzenten weiter. Mit einer spontanen Aktion zwangen 40 Arbeitslose und fünf Soldaten die säumigen Bauern von St. Zeno zur vorgeschriebenen Milchablieferung. Kurz darauf, im Februar 1919, nahmen sechs amtliche Kontrolleure der Landesfettstelle, sechs Gendarmen und fünf bewaffnete Militärposten in Marzoll bei den Bauern Stallkontrollen vor und setzen das tägliche Soll zur Ablieferung nach Bad Reichenhall auf 270 Liter fest. Eine scharfe Erklärung des Magistrats und Bürgermeisters Fritz Söllner vom 20.2.1919 auf die Proteste der Marzoller Bauern gibt einen guten Überblick über die Argumente der Auseinandersetzung zur Milchversorgung. ( Im Anhang als Originaltext ) Mit dem Einsetzen des Frühjahres 1919 entspannte sich der Versorgungsengpass der Milch vorübergehend etwas. Bereits im April 1919 hatten Bauernrat und Arbeiterrat darüber beraten, ob die Zwangsbewirtschaftung für die Milch bereits aufgehoben werden könne, dafür war es jedoch noch zu früh, wie die folgenden Monate des Jahres zeigten.

Im Juli 1919 kam es erneut zu einer geringeren Milchanlieferung: Statt 2200 Liter wurden nur 1200 Liter angeliefert, Hagelwetter soll der Grund gewesen sein. Der im Juni neu gewählte Stadtrat beschloss deshalb strenge Kontrollen auf den Straßen und in den Milchzentralen vorzunehmen. Die Zentralversorgung sollte vorerst beibehalten werden. Die Namen verurteilter Milchfälscher sollten in der Zeitung veröffentlicht werden.

Kriegsfolgen, allgemeiner Lebensmittelmangel

Im Bad Reichenhaller "Grenzboten", der Lokalzeitung, wurde das ganze Jahr 1919 von Schwarzschlachtungen, Lebensmitteldiebstählen, Schleichhandel, Eingreifen des Wucheramtes, Hamsterfahrten nach Mühldorf und Beschlagnahmung von Lebensmitteln am Bahnhof Freilassing berichtet. Nicht nur Milch war knapp, sondern es herrschte genereller Lebensmittelmangel. Nicht nur Negativmeldungen standen in der örtlichen Presse. Der Redakteur der Zeitung Max Wiedemann ( Magistratsrat und im Juni 1919 neu gewählter Stadtrat ) war sichtlich bemüht, mit Positivmeldungen Zuversicht zu verbreiten. Lebensmittelbestellungen des Kommunalverbandes im Ausland waren dem Redakteur bereits eine Meldung wert. Mehr noch Nachrichten, wenn tatsächlich etwas geliefert wurde. Wie zum Beispiel: Der lang erwartete amerikanische Speck sei eingetroffen. Im November 1919 kaufte der Lebensmittelausschuss der Stadt Bad Reichenhall, zur Milderung des Fettmangels, 566 Kilo dänische Butter an. Im Januar 1920 kostete nach amtlicher Bekanntmachung 1 Liter Milch 1,14 Mark, nur vier Monate zuvor war der amtlich Preis noch bei 66 Pfennig gelegen. Die Zwangsbewirtschaftung für Milch wurde in Bad Reichenhall erst im Mai 1921 wieder aufgehoben, bei gleichzeitiger Preisanhebung auf 2,50 Mark Die aufkommende Inflation war also bereits erkennbar.


Quellen:

Der Grenzbote 1918 – 1921 (Archiv der Stadt Bad Reichenhall)

Beschlussprotokoll des Magistrat 1918 -19 (Archiv der Stadt Bad Reichenhall)

Johannes Lang: Geschichte von Bad Reichenhall, 2009, S.768

Haus der Bayerischen Geschichte, www.hdbg.de

Fotos: Rudolf Schamberger



Anhang

(Originaltext der Erklärung des Bad Reichenhaller Magistrats und des Bürgermeisters in damaliger Rechtschreibung)



Erklärung !


Auf die "Erklärung" der Marzoller Milchbauern im Reichenhaller Grenzboten sei nachstehendes erwidert.

1. Der Stadtmagistrat ist verpflichtet, für eine geregelte Milchversorgung der städtischen Bevölkerung zu sorgen.Um eine gerechte Verteilung der angelieferten Milchmengen sicherzustellen, mußte angeordnet werden, daß die gesamten Milchmengen von einer einzigen Sammelstelle erfaßt und von dieser an die einzelnen Milchverkaufsgeschäfte unterverteilt werden. Ist viel Milch vorhanden, wird viel verteilt, ist weniger Milch vorhanden, wird weniger verteilt. Immer aber wird die Verteilung gleichheitlich gehandhabt. Jeder Vernünftige begreift das. Die Milchbauern von Marzoll begreifen es nicht.

2. Die Milchzentralisierung ist ein notwendiges Übel. Das kann offen zugestanden werden. Sie ist mit manchen Unzuträglichkeiten verbunden, die Milch wird verteuert und nicht besser. Diese Nachteile müssen indessen in Kauf genommen werden. Ohne die Milchzentralisierung würde das Übel noch größer, ja unerträglich. Eine Minderheit der Versorgungsberechtigten würde die ganze ihr zustehende Milch, häufig noch mehr, die Mehrheit aber viel weniger als das ihr zustehende oder gar nichts erhalten. Diese Befürchtung ist nicht aus der Luft gegriffen Die Erfahrung hat es gelehrt.

3. Die Milchzentrale konnte seitens der Stadt nur an einer Stelle errichtet werden,die über die entsprechenden technischen Einrichtungen und geschultes Personal verfügt. Das sieht wieder jeder Vernünftige ein. Die Milchbauern von Marzoll sehen es nicht ein, weil die Milchzentrale den Namen "Spieldiener" führt. Kann man der Stadtgemeinde im Ernst zumuten, unter ungeheuren Kosten für Apparate, Ladenmiete, Personalanstellungen usw., für eine voraussichtlich nicht allzulange Spanne Zeit eine eigene Milchzentrale zu errichten, nachdem am Ort selbst eine (einzige !) vorzüglich eingerichtete Molkerei besteht.

4. Die Milchbauern sind nach Gesetz und Gewissen verpflichtet ihre Milch an die städtischen Sammelstellen abzuliefern. Auf welche Weise die Stadt die Milch an ihre Einwohner verteilt, geht die Milchbauern nichts an, darüber hat einzig und allein der Stadtmagistrat zu befinden. Der Magistrat mischt sich ebensowenig in die inneren Verhältnisse einer Landgemeinde ein. Was dem einen recht ist, muß dem anderen billig sein.

5. Indem die Marzoller Milchbauern der ihnen nach Gesetz und Gewissen obliegenden Milchlieferungen an die verordneten städt. Sammelstellen nicht nachkamen, haben sie Milchstreik getrieben. Daran ändert nichts ihre Behauptung, wonach sie die Milch an private oder Milchverkaufsstellen wollen geliefert haben. Gegenüber der für die Milchversorgung und Milchverteilung ausschließlich zuständigen und verantwortlichen Stadtverwaltung haben sie gestreikt.

6. Ueber die einfältige Unterstellung, als hätten die Magistratsmitglieder und der Bürgermeister als " Freunde " des Herrn Spieldiener diesem zur Erhöhung der Rentabilität seines Betriebs die Milchzentrale zugeschanzt, könnte man mit einem mitleidigen Lächeln hinweggehen, wenn diese Unterstellung nicht ein trauriges Beispiel für eine Kampfesweise böte, die über den Mangel sachlicher Gründe durch gehässige persönliche Angriffe hinwegzutäuschen sucht.


Bad Reichenhall, 20. Februar 1919

Stadtmagistrat

Rechtsk. Bürgermeister: S ö l l n e r


Bearbeitung: Rudolf Schamberger