Pfarrkirche St. Valentin (Marzoll)

Aus Bad Reichenhall Wiki
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Die ehemalige Wallfahrtskirche im Bad Reichenhaller Stadtteil Marzoll ist die Pfarrkirche der Pfarrei St. Valentin in der Katholischen Stadtkirche Bad Reichenhall.

Geschichte

Die Pfarrkirche St. Valentin in Marzoll von Osten
Das Innere von St. Valentin
Die Figur des heiligen Valentin ist ein Werk des Salzburger Bildhauers Hans Waldburger von 1626. Sie stand ursprünglich auf dem früheren Hochaltar.

Die Kirche in Marzoll wurde in der Notitia Arnonis, dem Salzburger Güterverzeichnis von 788/790 erstmals genannt. Um 1140 entstand ein romanischer Neubau. Nach dem Abbruch der romanischen Apsis errichtete man einen gotischen Chor, der in der Folgezeit als Grablege für das Geschlecht der Fröschl diente. Johann II. Ebser, Bischof von Chiemsee, weihte das fertig gestellte Gotteshaus 1437 dem heiligen Valentin von Terni. Zuvor war es wohl dem heiligen Valentin von Rätien geweiht, da in Marzoll früher das Patrozinium an dessen Festtag, dem 7. Januar gefeiert wurde. Ende des 15. Jahrhunderts wurde das Langhaus eingewölbt, das große Nordportal eingefügt und der Turm mit einem hohen gotischen Spitzhelm errichtet.

Der Beginn der bedeutenden Wallfahrt zum Heiligen Valentin in der Marzoller Kirche geht auf ein Wunder im Jahre 1496 zurück, bei dem ein Kind aus Thalgau von der Epilepsie geheilt worden sein soll. Die meisten Wallfahrer kamen aus salzburgischen Orten der näheren und weiteren Umgebung, aus Wals, Piding, Ainring und Bergheim, auch aus Salzburghofen, Saaldorf, Anthering und Thalgau. Die Wallfahrt, bei der vor allem lebende schwarze Hennen geopfert wurden, erreichte im 17. und 18. Jahrhundert ihre höchste Blüte und kam nach der Aufklärung zum Erliegen.

In den Jahren 1714/1715 erfolgte an der Nordseite der Anbau der Sakristei, der Vorhalle und der Oratorien (Logen) für die Schlossherrschaft. Möglicherweise hatte die Familie Lasser von Lasseregg auf Schloss Marzoll den Bau der Oratorien veranlasst. 1729 stellte man einen barocken Hochaltar auf. Der Spitzhelm des Turms musste 1746-1748 der barocken Zwiebelhaube weichen. Von 1747 bis 1750 wurde der Innenraum im Rokokostil umgestaltet.

Im Zuge der Säkularisation von 1803 wurde das Augustiner-Chorherrenstift St. Zeno, die Mutterpfarrei aller Kirchen im Reichenhaller Tal, aufgehoben. Die Kuratie Marzoll trennte man von der Pfarrei Gmain (Großgmain), zu der sie seit dem 14. Jahrhundert gehört hatte. Seit 1809 ist Marzoll eine selbständige Pfarrei. Zwischen 1816 und 1822 wurden die Diözesangrenzen an die Staatsgrenzen angeglichen. Das südostbayerische Gebiet, welches seit jeher kirchlich zur Erzdiözese Salzburg gehört hatte, fiel nun in die Zuständigkeit des Erzbistums München und Freising. Heute ist St. Valentin ein Teil der Katholischen Stadtkirche Bad Reichenhall.

Beschreibung

In der Vorhalle finden sich Grabplatten der Schlossherren aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Sie erinnern an Mitglieder der Familien Fröschl, von Freysing und Aichach, und Lasser von Lasseregg. Durch das spätgotische Portal aus der Zeit um 1500 gelangt man in den Innenraum, den unter der Empore ein schmiedeeisernes Gitter von 1650 abschließt. Das Kircheninnere ist geprägt vom Rokokostuck des Salzburgers Benedikt Zöpf von 1748. (Zöpf arbeitete u. a. für das Erzstift St. Peter in Salzburg, die Stukkaturen in der dortigen Stiftskirche gelten als sein Hauptwerk.) Der Stil seiner Stukkaturen in Marzoll verweist bereits auf den beginnenden Klassizismus. Den Hochaltar schuf 1729 der Salzburger Hoftischler Simon Thaddäus Baldauf. Aus dem gleichen Jahr stammen die Figuren der heiligen. Laurentius (links) und Ulrich (rechts), die der Reichenhaller Bildhauer Johann Schwaiger geschnitzt hat. Das Hochaltarbild eines unbekannten Malers um 1780 zeigt den Kirchenpatron Valentin. Zu seinen Füßen ist die Heilung eines Kranken durch ihn dargestellt. In einer Kartusche über dem Bild ist der lateinische Text zu lesen: „Heiliger Valentin, Bischof und Märtyrer, Du Heil der Kranken!“ Im Auszug ist eine Marienkrönung dargestellt, die im 19. Jahrhundert stark übermalt wurde. Hinter dem Hochaltar befindet sich der Käfig für die dem heiligen Valentin geopferten Hühner. Sie wurden von den Wallfahrern dreimal um den Altar getragen und dann in diesen Kobel gesperrt. An der linken Seitenwand neben dem Hochaltar wurden 1967 spätgotische Wandmalereien freigelegt, die auf ein ehemaliges Sakramentshäuschen an dieser Stelle hinweisen. Am Chorbogen steht rechts eine Statue des hl. Valentin vom Salzburger Hofbildhauer Hans Waldburger aus dem früheren Hochaltar von 1626. (Von Waldburger stammte auch der alte Hochaltar in St. Peter in Salzburg.) In die klassizistischen Seitenaltäre von 1819 wurden die Altarbilder der Vorgängeraltäre aus dem Jahr 1747 übernommen. Sie zeigen links die hl. Anna inmitten der heiligen Sippe und rechts Antonius von Padua vor Maria, Gott Vater und dem hl. Geist. Diese Seitenaltarbilder, sowie die Kreuzwegstationen (1750) stammen von dem Salzburger Hofmaler Benedikt Werkstätter. Die Kanzel von 1791 ist im Übergangsstil vom Rokoko zum Klassizismus gestaltet. Ebenfalls an der linken Langhauswand befinden sich zwei Oratorien (Logen) für die Schlossherrschaft.

Friedhof

An der Nordseite der Kirche befindet sich das so genannte „Allerseelenkammerl“, der Rest eines Karners (Beinhauses). Darin wurden Gebeine aus dem meist zu kleinen Friedhof aufbewahrt. Der Altar aus dem 17. Jahrhundert zeigt eine Pietá und darüber Gott Vater. An der Ostseite der Kirche steht eine Totenleuchte aus dem 15. Jahrhundert. Dominik Winkler, der erste Pfarrer von Marzoll, konnte sie 1811 vor der behördlich angeordneten Zerstörung retten, indem er sie zu einem Kriegerdenkmal für die Gefallenen der Napoleonischen Kriege umfunktionierte. Es handelt sich dabei um eines der ersten Kriegerdenkmäler der Region.

Siehe auch: Fröschl (Patrizierfamilie)

Glockengeläut: [1]

Literatur

Walter Brugger: St. Valentin Marzoll, Kirchenführer, Regensburg 1997

Andreas Hirsch: St. Valentin - Helfer gegen die Frais, Marzoll war einst ein viel besuchter Wallfahrtsort, Heimatblätter 2/2009 [2]

Johannes Lang: Die Kuratie Marzoll, in: St. Zeno in Reichenhall, Geschichte des Augustiner-Chorherrenstifts von der Gründung bis zur Säkularisation, München 2009

Johannes Lang: Denkmäler und Veteranenvereine, Erinnerungskultur infolge der „Franzosenkriege“, in: Friederike Zaisberger (Hrsg.): Der Russlandfeldzug 1812 und der Salzachkreis – Schicksale im Krieg und Daheim, Salzburg 2013


Bearbeitung: Andreas Hirsch