Richard Wagner und Reichenhall

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Richard Wagner und Reichenhall

Cosima und Richard Wagner 1872

Seit Bayerns König Max II. im Jahr 1848 das damals noch junge Heilbad Reichenhall durch einen fünfwöchigen Kuraufenthalt geehrt hatte, zog es immer wieder illustre Besucher in den seinerzeit aufstrebenden, am Ende des Jahrhunderts zum mondänen „Weltbad“ avancierten Kurort. Zu der Vielzahl der berühmten Gäste Reichenhalls zählte auch der Komponist Richard Wagner, welcher der Stadt einen zwar nur flüchtigen zweitägigen, für ihn aber dennoch erinnerungswerten Besuch abstattete.

Im August 1861 kam es in Reichenhall zu einer Begegnung des damals bereits europaweit bekannten Komponisten mit Cosima, der Ehefrau des Dirigenten Hans von Bülow, die sich nach der Geburt ihrer ersten Tochter zur Erholung in der nahe Reichenhall gelegenen Seebachmühle in Karlstein aufhielt. Wagner war in Begleitung seines französischen Freundes Emile Ollivier und dessen Ehefrau Blandine, einer Schwester Cosimas, die wohl in Sorge um deren Gesundheitszustand die Reise nach Reichenhall angeregt hatte. (Erwähnt sei hier auch, dass Wagners Begleiter Ollivier, später Ministerpräsident unter Napoleon III., im Juli 1870 für die Kriegserklärung Frankreichs an Preußen verantwortlich war.) Bei jener zweitägigen Reichenhaller Begegnung war Cosima für den Komponisten allerdings keine Unbekannte; denn bereits 1853 hatte der 24 Jahre ältere Wagner die damals 16-jährige Cosima im Haus ihres Vaters, des Klaviervirtuosen Franz Liszt, kennengelernt. Doch dürfte während der kurzen sommerlichen Reichenhall-Visite – so viel ist jedenfalls der Autobiografie des Komponisten zu entnehmen – Wagners erstes, wenngleich damals noch zurückhaltendes Interesse an Cosima erwacht sein, mit der er zwei Jahre später eine dramatische, jedoch von der Gesellschaft zunächst geschmähte Liebesaffäre beginnen sollte. Jene in Reichenhall „so anmutig unterbrochene Reise“, die Wagner von dort nach Salzburg und dann nach Wien weiterführte, blieb in seiner Erinnerung lebendig. Noch 17 Jahre später, als Cosima längst Richard Wagners Ehefrau war, notierte diese in ihr Tagebuch: „Nach Tisch gedachte R. unserer Begegnung in Reichenhall, unseres Abschieds, ‚du immer mit gesenktem Blick!‘“

Wagner kam kein zweites Mal nach Reichenhall. Doch sollte die Uraufführung seiner in München mit Spannung erwarteten Oper „Tristan und Isolde“ vier Jahre später dank eines Reichenhaller Kuraufenthalts gerettet werden. In einer der letzten Proben vor der geplanten Aufführung versagten aufgrund einer Heiserkeitsattacke die stimmlichen Kräfte Malvine Schnorr von Carolsfelds, der Sängerin der Titelpartie. Die Premiere musste verschoben werden und um ihre Stimme wiederherzustellen, begab sich Malvine samt Ehemann Ludwig, dem Sänger des Tristan, im Mai 1865 ins damals bereits renommierte Heilbad Reichenhall. Schon wenige Wochen später fand Malvine Schnorr dank der hiesigen Kur zu ihren einstigen sängerischen Glanzleistungen zurück, sodass sich am 10. Juni 1865 im Münchener Nationaltheater endlich der Vorhang über der unter dem Dirigat Hans von Bülows stehenden Oper „Tristan und Isolde“ erheben konnte.

Doch Wagners Verbindungen zu Reichenhall rissen damit nicht ab. Im November 1871 erfolgte vom Magistrat der Stadt das Angebot an den illustren Komponisten, ihm nahe der Stadt einen Bauplatz für die Errichtung seines lange geplanten Festspielhauses zur Verfügung zu stellen. Dieses Angebot vonseiten der Reichenhaller Stadtväter geschah zu einem Zeitpunkt, als sich neben Bayreuth, der Stadt, auf die Wagners endgültige Wahl fallen sollte, auch noch einige andere Orte, wie etwa Darmstadt oder Baden-Baden, mit einer solchen Offerte an Wagner richteten. Reichenhall konnte immerhin mit einigen Vorzügen punkten, die in Wagners Augen für die Errichtung eines Festspielhauses wesentlich waren: An einer exponierten, der urbanen Hektik entrückten Stelle sollte sein Theater entstehen – mündlichen Überlieferungen zufolge dürfte es die Anhöhe von Nonn gewesen sein, die dem Reichenhaller Magistrat für das erhoffte, Tourismus und Prestige fördernde Wagner-Projekt vorschwebte – und es sollte sich zudem, was ebenfalls für Reichenhall sprach, in einer kleinen Provinzstadt im Königreich Bayern befinden. Doch Wagners Entscheidung fiel auf Bayreuth, dem Magistrat der Stadt Reichenhall erteilte er eine Absage. Nach seinen eigenen Aussagen befürchtete der Komponist, das an die seichte Unterhaltungsmusik der täglichen Kurkonzerte gewöhnte Badepublikum eines inzwischen doch recht mondänen Kurortes sei wohl nicht die geeignete Zuhörerschaft für seine dramatischen Bühnenwerke.

Wäre Richard Wagner damals auf den ehrgeizigen Vorschlag des Reichenhaller Magistrats eingegangen, der dem Komponisten sogar zusätzlich anbot, das für den Bau des Festspielhauses nötige Holz zur Verfügung zu stellen – in einem einfachen Theater von „Brett und Balken“ sollten nach Wagners Plänen seine Musikdramen aufgeführt werden –, hätte die weitere Geschichte Reichenhalls wohl einen gänzlich anderen Verlauf genommen …

Bearbeitung: Dr. Helga Prosinger