Rupertiwinkel

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Chiemgau und nördlicher Salzburggau um 1200

Rupertiwinkel wird ein Gebiet in Südostbayern genannt, das bis Anfang des 19. Jahrhunderts zum Erzstift Salzburg (= Land Salzburg) gehörte. Es liegt westlich der Flüsse Saalach und Salzach. Der Name erinnert an den heiligen Rupert von Salzburg, den Landespatron Salzburgs. Zum Rupertiwinkel gehören die Gemeinden und Orte Ainring, Anger, Freilassing, Laufen, Piding, Saaldorf-Surheim, Teisendorf (Landkreis Berchtesgadener Land), Fridolfing, Kirchanschöring, Lauter (Surberg), Palling, Petting, Tittmoning, Heiligkreuz (Trostberg), Lindach (Trostberg), Waging, Wonneberg (Landkreis Traunstein) und Tyrlaching (Landkreis Altötting).

Geschichte

Herrschaftsbereiche im Salzburggau im Hochmittelalter
Der heutige Rupertiwinkel als Teil des Landes Salzburg, Karte von Joh. Bapt. Homann 1710
Der Salzachkreis bestand in dieser Form von 1810 bis 1816
Grenzverlauf zwischen Bayern und Salzburg im Reichenhaller Becken
Blick vom Rainbichl bei Tyrlaching über den Rupertiwinkel
St. Coloman bei Tengling am Tachinger See
Blick vom Schlossberg Tettelham nach Süden
Blick vom Hochstaufen über den Rupertiwinkel
Das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift Höglwörth bei Anger

Ab dem 6. Jahrhundert gehörte das Gebiet des Salzburggaus zum Herzogtum Bayern. Nach dem Sturz des Herzogshauses der Agilolfinger 788, und der Eingliederung Bayerns in das Frankenreich teilte man das Land in Grafschaften ein, die von Grafen geleitet wurden. Im Auftrag des Königs hatten die Grafen vor allem für militärischen Schutz, die Rechtsprechung und die Einhebung der Steuern zu sorgen. Im Salzburggau gab es im Hochmittelalter mehrere Grafschaften: Das Adelsgeschlecht der Grafen von Plain, ihre Stammburg war die Plainburg bei Großgmain, war ab ungefähr 1100 mit der Grafschaft im oberen (südlichen) Salzburggau belehnt. Diese Grafschaft umfasste den südlichen Teil des heutigen Rupertiwinkels, westlich und südlich des Waginger Sees, das Gebiet südlich der Stadt Salzburg und das Salzachtal bis zum Pass Lueg. Nördlich davon, im unteren Salzburggau, hatten die Grafen von Lebenau ab 1104 eine Grafschaft inne. Sie stammten aus dem Geschlecht der mächtigen Spanheimer und nannten sich nach der Burg Lebenau [1] bei Laufen. Ihre Grafschaft erstreckte sich über die nördliche Hälfte des späteren Rupertiwinkels, nördlich und östlich des Waginger Sees und den Nordwesten des heutigen Flachgaus. Daneben gab es im Reichenhaller Tal die Hallgrafschaft und die Grafschaft Reichenhall, aus denen sich später das Pfleggericht Reichenhall entwickelt hat. Südlich des Untersbergs wurde 1102 das Augustiner-Chorherrenstift Berchtesgaden gegründet, das sich im Laufe der Zeit von den Plainer Grafen, welche die Hochgerichtsrechte über das Berchtesgadener Tal besaßen, unabhängig machen konnte.

Ablösung von Bayern

Die Salzburger Kirche verfügte seit frühester Zeit überall im Land verstreut über Besitzungen. So erwarb bereits der heilige Rupert kurz nach seiner Ankunft in Salzburg im Jahr 696 Güter im Dorf Piding. Zwischen 713 und 715 wurde das neu gegründete Kloster Nonnberg unter anderem mit Gütern in Ainring, Tittmoning und Waging ausgestattet. Ein größeres zusammenhängendes Gebiet aber besaß die Salzburger Kirche nur im Pongau und östlich der Stadt Salzburg. (Von den Erzbischöfen vom 8. bis zum 11. Jahrhundert erworben) Die 739 gegründete Diözese Salzburg wurde 798 zum Erzbistum erhoben und war damit zum Mittelpunkt der bayerischen Kirchenprovinz geworden. Dem Erzbistum Salzburg unterstanden die Suffraganbistümer Regensburg, Passau, Freising und Säben (Brixen). Die Erzbischöfe waren bestrebt, ein geschlossenes Herrschaftsgebiet zu schaffen, was durch den Erwerb von Grafschaften und Hochgerichtsbezirken geschah. Salzburg hatte unter anderem 1213 alle Rechte im Lungau erworben und den Pinzgau, der zuvor ein an den Bayernherzog vergebenes Lehen war, 1228 erhalten. Nachdem 1229 die Grafen von Lebenau ausgestorben waren, konnte sich der Salzburger Erzbischof Eberhard II. deren Grafschaft beinahe zur Gänze sichern. Mit dem Aussterben der Grafen von Plain im Jahre 1260 fiel ihr Herrschaftsgebiet schließlich größtenteils an die Nachfolger Eberhards. Damit verfügten die Salzburger Erzbischöfe über ein verhältnismäßig großes geschlossenes Herrschaftsgebiet. Mit der weitgehenden Anerkennung der Salzburger Grenzen durch den Bayernherzog im Jahr 1275 kam die Ablösung Salzburgs von Bayern einen bedeutenden Schritt voran. Als Erzbischof Friedrich III. dann 1328 eine eigene Landesordnung erließ, war aus Salzburg ein eigenständiges Land innerhalb des „Heiligen Römischen Reiches" geworden. Zum ersten Mal sprach Erzbischof Heinrich von Pirnbrunn 1342 in einer Urkunde von seinem „Land“. Dabei war der Besitz der Saline Hallein, die ab etwa 1200 Reichenhall als Marktführer im Salzhandel abgelöst hatte, die wichtigste wirtschaftliche Vorraussetzung dafür, dass Salzburg als selbständiger Staat überhaupt existieren konnte. Die ehemaligen Grafschaften Plain und Lebenau, und damit der heutige Rupertiwinkel, waren Teile dieses neuen eigenständigen Landes. Sie gehörten zum salzburgischen „Flachen Land", das auch „Land vor dem Gebirg“ oder „Außergebirg“ genannt wurde. Schon einige Jahre zuvor hatte sich die Propstei Berchtesgaden von Bayern lösen können, sie wurde 1306 erstmals als „Land“ erwähnt.

Grenzfälle

Ein kleines Gebiet westlich des Waginger Sees gehörte ursprünglich nicht zum Salzburggau, sondern zum Chiemgau. In den Güterverzeichnissen des 8. Jahrhunderts erscheinen die Orte Waging und Otting als im Chiemgau gelegen, während das benachbarte Tettelham zum Salzburggau zählte. Auch das Dorf Moosham (heute Stadt Trostberg) bei Lindach und Gumpertsham bei Heiligkreuz (Trostberg) gehörten nach schriftlichen Quellen des 10. Jahrhunderts zum Chiemgau. Seit dem Erhartinger Vertrag (1275) lagen diese Orte im Herrschaftsgebiet des Salzburger Erzbischofs und zählen deshalb heute zum Rupertiwinkel.

Zu einer wichtigen Grenzregulierung kam es 1442 an der Alz bei Trostberg: Der Salzburger Fürsterzbischof Friedrich IV. Truchseß von Emmerberg trat einen Gebietsstreifen östlich der Alz an den Herzog ab, die Grenze wurde von der Flussmitte auf die östliche Hangkante verlegt. Trostberg hatte somit mehr Platz, sich auszudehnen. Als Gegenleistung überließen die Wittelsbacher den Fürsterzbischöfen auf Dauer die hohe Gerichtsbarkeit in der Stadt Mühldorf am Inn. Erst damit wurde Mühldorf am Inn vollends ein Teil des Erzstiftes Salzburg, was es bis 1802 blieb.

Stein an der Traun lag seit dem zweiten Vertrag von Erharting (1275) an der Grenze zwischen Bayern und Salzburg. Dabei wurde die Grenze so gezogen, dass die obere Burg auf Salzburger Territorium lag, während die untere Burg und die Höhlenburg auf herzoglich bayerischem Gebiet blieben. Die Burg war Sitz der Hofmark Stein, ein Niedergerichtsbezirk, der urkundlich erstmals 1558 erscheint. Da die Landesgrenze auch das Hofmarksgebiet durchlief, lagen neben dem Hochschloss weitere 14 Anwesen in Buchberg, Höhenberg, Reit, Roitham und Zieglstadl auf salzburgischem Territorium. Es kam immer wieder zu Grenzstreitigkeiten, wie zahlreiche erhaltene Beschwerdeschreiben, Protokolle und „Widerreden“ belegen. Bayern zweifelte zwar die mitten durch das Hofmarksgebiet laufende Landesgrenze nicht an. Doch die Pfleger des bayerischen Landgerichts Trostberg behaupteten seit dem 16. Jahrhundert die Hochgerichtsbarkeit nach dem Gewohnheitsrecht.

Salzburgs „Kornkammer"

Wegen seines fruchtbaren Bodens und des im Vergleich zu den Gebirgsgauen milden Klimas war das Flache Land die „Kornkammer" Salzburgs. Der Weizen machte nur einen kleinen Teil des angebauten Getreides aus und er gedieh ganz im Norden um Tittmonig am besten. Am weitesten verbreitet war der Roggen, der das wichtigste Brotgetreide bildete. Aber auch der anspruchslosere Hafer wurde sehr viel angebaut. Dieser war nicht nur für die Pferdezucht von Bedeutung, sondern fand auch bei der Brotherstellung Verwendung und diente, etwa zu Haferbrei verkocht, als wichtiges Grundnahrungsmittel. Den Bedarf an Getreide im Land Salzburg konnte das Flache Land allerdings nicht decken, weshalb Getreide aus Bayern eingeführt werden musste. Östlich des Waginger Sees wurde in größerem Umfang Flachs angebaut, der durch viele kleine Leinweber für Verleger (Großhändler) zu Leinen verarbeitet wurde. An den Ufern der Salzach lagen große Hopfengärten. Mit dem hier produzierten Hopfen versorgte man die Brauereien in der Umgebung, von denen jene in Teisendorf [2] und Schönram noch heute bestehen. Im landwirtschaftlich geprägten Rupertiwinkel gab es aber auch ein bedeutendes Bergwerk bei Neukirchen, wo Eisenerz abgebaut wurde. Die Verhüttung erfolgte im Achthal und später auch in Röhrenbach bei Anger. Dazu gehörte außerdem noch die 1537 gegründete Annahütte in Hammerau, wo in erster Linie Drahtseile, Waffen, Werkzeuge, Nägel und Bleche hergestellt wurden. Die Produkte verkaufte man außerhalb Salzburgs bis nach Ober- und Niederbayern, Tirol und Schwaben. Von den beiden Städten im heutigen Rupertiwinkel war Laufen als Zentrum der Salzschifffahrt und Sitz der adeligen Schiffherren die Bedeutendere. Tittmoning dagegen wurde von zahlreichen Handwerksbetrieben, vor allem von den dort ansässigen Gerbereien geprägt. Daneben war es noch der zentrale Marktort des nördlichen Rupertiwinkels. Die Burg Tittmoning bildete als Grenzfestung das Gegengewicht zum bayerischen Burghausen und diente darüber hinaus auch als Sommerresidenz der Salzburger Erzbischöfe.

Fünfmal ausgeplündert

Die Napoleonischen Kriege am Anfang des 19. Jahrhunderts brachten für das Land Salzburg nach fast fünfhundertjährigem Bestehen als selbständiger Staat das abrupte Ende und innerhalb von wenigen Jahren einen fünfmaligen Wechsel der Herrschaft. Nach der siegreichen Schlacht gegen die Österreicher auf dem Walserfeld, besetzten französische Truppen am 15. Dezember 1800 für vier Monate die Stadt Salzburg. Bereits einige Tage vorher war der letzte regierende Fürsterzbischof, Hieronymus Graf Colloredo, aus Salzburg geflohen, nachdem er einen Statthalter eingesetzt hatte. Die Besatzer plünderten das Land aus und misshandelten die Bevölkerung. Nach dem Frieden von Lunèville war die Säkularisation des Erzstiftes Salzburg, die heimlich bereits 1797 geplant worden war, Wirklichkeit geworden. Galten doch die geistlichen Fürstentümer in Deutschland schon seit langem als überholte Staatsformen, die keine Existenzberechtigung mehr besaßen. Ein Berater Colloredos ahnte schon 1798 dass Salzburg „entweder Österreich zum Frühstück oder Bayern zum Schmaus anheim fallen“ werde. Colloredo dankte am 11. Februar 1803 ab, allerdings nicht, ohne vorher noch viel Geld für seine Privatschatulle aus dem durch die Kriegswirren verarmten Land zu ziehen. Der frühere Großherzog von Toskana, Ferdinand III., ein Bruder von Kaiser Franz II. trat nun die Regierung in Salzburg an. Zu seinem räumlich aufgesplitterten Kurfürstentum gehörten neben Salzburg noch weitere säkularisierte Länder wie Berchtesgaden, ein Teil von Passau und Eichstätt, die alle ehedem geistliche Fürstentümer waren. Im Oktober 1805 floh Ferdinand unter Mitnahme eines großen Teils des Domschatzes vor den heranrückenden französischen und bayerischen Truppen. Dem ohnehin finanziell ausgebluteten Land wurden hohe Geldsummen abgepresst und die Bevölkerung hatte unter Plünderungen und mutwilligen Zerstörungen zu leiden. Nach den Bestimmungen des Friedensvertrags von Pressburg fiel Salzburg zusammen mit Berchtesgaden am 17. März 1806 an Österreich. Kaum drei Jahre nach der Übernahme Salzburgs erklärte der österreichische Kaiser Franz Frankreich den Krieg, der zu einer schweren Niederlage der Österreicher führte. Im Friedensvertrag von Schönbrunn musste Österreich am 14. Oktober 1809 auf Salzburg verzichten. Das abziehende Regime nahm jene Kunstschätze mit nach Wien, die von den Vorgängern noch übrig gelassen worden waren. Danach stand Salzburg für fast ein Jahr unter französischer Verwaltung, welche die Bevölkerung durch Einquartierungen und Proviantbeschaffung schwer belastete.

Unter bayerischer Herrschaft

Durch den Frankfurter Vertrag kam das Land Salzburg am 19. September 1810 zusammen mit der ehemaligen Fürstpropstei Berchtesgaden an das Königreich Bayern. Es wurde dem bereits 1808 geschaffenen Salzachkreis mit der Hauptstadt Burghausen angegliedert. Den Verwaltungssitz verlegte man dabei nach Salzburg. Geführt wurde die Verwaltung des Salzachkreises vom Generalgouverneur Kronprinz Ludwig von Bayern, dem späteren König Ludwig I., welcher im Schloss Mirabell residierte. Der Salzachkreis war einer der neun bayerischen Verwaltungsbezirke, der neben altbayerischen Gebieten das Land Salzburg, einen Teil Oberösterreichs (darunter das südliche Innviertel) und das Landgericht Kitzbühel in Tirol umfasste. Die neue Staatszugehörigkeit und die damit verbundenen einschneidenden Veränderungen wurden aber vor allem von der Bevölkerung im Gebirge abgelehnt. Diese projizierte ihren Reichspatriotismus auf den österreichischen Kaiser Franz I., der zuvor als Franz II. Kaiser des 1806 untergegangenen „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“ gewesen war. Zudem hatten in der österreichischen Zeit von 1806 bis 1809 die Behörden im Land selbst kaum Veränderungen vorgenommen. Die Beibehaltung des so genannten „alten Herkommens“ war den Bauern weitaus lieber als die Reformflut der bayerischen Verwaltung. In der Stadt Salzburg machten sich die Bayern unter anderem durch die Auflösung der Landstände und der Universität unbeliebt. Dabei dürfte der Anschluss an Bayern anfangs im Flachen Land weitgehend akzeptiert und in der Stadt sogar begrüßt worden sein. In der Stadt Salzburg waren nämlich private Transparente mit Aufschriften wie etwa „Retour nach Baiern“ zu lesen und die Salzburger Zeitung erblickte den Tag, „...wo uns der Zeitenlauf wieder zu dem alten Vaterhause bringt, dem wir einst angehörten“. Die rücksichtslose Durchsetzung der Reformen im Sinne des Grafen Montgelas jedoch ließ die Sympathie für den Verbleib bei Bayern drastisch schwinden. Ziel des zentralistischen Staates war es, durch die vollständige Löschung der alten Strukturen und jeglicher Eigenart, ein nur nach verwaltungstechnischen Gesichtspunkten gestaltetes Land zu schaffen. Den Salzburgern drohte damit der Verlust ihrer Identität. In den folgenden Jahren erfolgten der Ausbau von Straßen, die Einführung der staatlichen Post und Neuerungen in der Landwirtschaft. Das Schul- und Bildungswesen und die medizinische Versorgung wurden verbessert. Als Beweis für die Leistungsfähigkeit der damaligen bayerischen Verwaltung kann folgendes Beispiel gelten: Im Jahr 2009 wurden in der Stadt Salzburg erstmals offiziell die Grenzen der Stadtteile genau festgelegt und die Grundlage für diese Einteilung stammt aus der Zeit der bayerischen Herrschaft. Schwere Belastungen für die Bevölkerung aber stellten die Erhöhung von Steuern und Abgaben sowie die Truppenaushebungen dar. Trotz der kriegerischen Ereignisse kümmerte man sich um kulturelle Angelegenheiten: Die Bayerische Akademie der Wissenschaften begann 1815 mit der Ausgrabung der bekannten römischen Palastvilla in Loig. (Die österreichischen Aktivitäten auf diesem Gebiet nach 1816 beschränkten sich auf den Abtransport des berühmten Theseus-Mosaiks nach Wien.) Nachdem sich Bayern dem Bündnis von Preußen, Russland und Österreich gegen Napoleon angeschlossen hatte, forderte Österreich das Salzburger Land und seine anderen ehemaligen Gebiete zurück. Nach langwierigen Verhandlungen zwischen Kaiser Franz I. und Kronprinz Ludwig in Wien verzichtete Bayern schließlich auf Salzburg. Vor der Übergabe an Österreich aber wurde das Land noch ausgeplündert. Öffentliche Gebäude und Staatsbesitz verkaufte man und die ohnehin nur noch wenigen vorhandenen Kunstschätze wurden nach München gebracht.

Teilung des Salzburger Landes

Durch den Münchner Vertrag fiel das Land Salzburg am 1. Mai 1816 wieder an Österreich zurück – allerdings nicht zur Gänze: Mit den Ämtern Waging, Tittmoning, Laufen und Teisendorf auf der linken Seite von Salzach und Saalach blieb das Gebiet des heutigen Rupertiwinkels bei Bayern. Die Trennung des über Jahrhunderte zusammengehörenden Gebiets wirkte sich nachteilig auf die wirtschaftliche Situation aus, denn die bayerisch gebliebenen Bewohner hatten mit der Stadt Salzburg unter anderem ihr bisheriges Zentrum für den Verkauf ihrer landwirtschaftlichen Produkte verloren. Von der neuen Grenzziehung war Laufen ganz besonders betroffen. Es war zwischen Bayern und Österreich aufgeteilt worden und die Stadtteile östlich der Salzach - Oberndorf und Altach - wurden nun „Österreichisch-Laufen“ genannt. Die Errichtung der neuen Grenze leitete aber auch den Niedergang der bis dahin so wichtigen Salzschifffahrt ein. In den folgenden Jahren bis 1822 wurden dann die Diözesangrenzen an die Staatsgrenzen angeglichen. Der Rupertiwinkel und das bayerische Gebiet östlich des Inn, die seit jeher kirchlich zur Erzdiözese Salzburg gehört hatten, fielen nun in die Zuständigkeit des Erzbistums München und Freising. Einen rasanten Aufschwung erlebte der kleine Ort Salzburghofen bzw. Freilassing, der nun als Grenzort zum Sitz eines Oberzollamtes wurde. Spätestens seit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke München–Salzburg–Wien (1860) war Freilassing als Grenzbahnhof und Verkehrsknotenpunkt auf dem besten Weg, die Wirtschaftsmetropole des Rupertiwinkels zu werden. Der Begriff „Rupertiwinkel“ für das ehemals salzburgische Gebiet entstand erst am Ende des 19. Jahrhunderts, als man sich verstärkt der Pflege des Geschichts- und Heimatbewusstseins widmete. Damals erhielten auch der Flachgau und der Tennengau ihre heutigen Namen in Anlehnung an die mittelalterlichen Landschaftsbezeichnungen Pinzgau, Pongau und Lungau. Die später aufgekommene Bezeichnung „Rupertigau“ erinnert an die Vorliebe für Neuschöpfungen von Gau-Namen in der Zeit des Faschismus und trägt zusätzlich zur Verwirrung um das Wesen des altsalzburgischen Gebiets bei.

Historische Grenzen

Im 20. Jahrhundert erfolgten mit der „Tausend-Mark-Sperre“,dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und der Wiedererrichtung der Grenze nach dem Kriegsende 1945 gravierende Umbrüche. Dieses Wechselspiel der Abgrenzung und Annäherung an Österreich erlebte der Rupertiwinkel in gleicher Weise, wie alle anderen Grenzgebiete. Allerdings ließ der damalige Salzburger Landeshauptmann Josef Rehrl (1947-1949) mit einer kuriosen Idee aufhorchen. Er forderte von Bayern die Rückgabe des Rupertiwinkels an Salzburg. Und bei dieser Gelegenheit sollte das Salzburger Land gleich bis zur Traun und an die Alz erweitert werden. Eine „historische Traungrenze“, die es in Wahrheit nie gegeben hat, sollte wieder hergestellt werden. Gleichzeitig strebte er die „Rückkehr“ Reichenhalls und des Berchtesgadener Landes an Salzburg an. Denn Rehrl ging fälschlich davon aus, dass Reichenhall und Berchtesgaden von 1254 bis 1810 zu Salzburg gehört hätten. Als Anfang der Siebziger Jahre die Pläne für die Landkreisreform veröffentlicht wurden, entzündete sich eine leidenschaftliche Diskussion um den zur Zerschlagung vorgesehenen Landkreis Laufen. Der Begriff Rupertiwinkel war nie zuvor so oft in den Zeitungen zu lesen gewesen, wie in jenen Tagen. In der Tat umfasste der Landkreis beinahe das gesamte ehemals salzburgische Gebiet. Die Gegner der Auflösung argumentierten damit, dass dieser historische Landstrich als gewachsene wirtschaftliche und kulturelle Einheit nicht geteilt werden dürfe. Das „Rupertiwinkel-Bewusstsein“ stand im Landkreis Laufen damals auf einem Höhepunkt, den es bis heute nicht wieder erreicht hat. Allerdings hat man dabei außer Acht gelassen, dass auch die heutigen Gemeinden Piding und Anger, sowie Heiligkreuz und Lindach (heute Stadt Trostberg) zum Rupertiwinkel gehören, obwohl sie nicht im Landkreis Laufen lagen. Auch heute noch ist der Rupertiwinkel vor allem kulturell stark mit dem Salzburger Land verbunden. Als Beispiele sind unter anderem zu nennen das Aperschnalzen und weitere Brauchtumsformen, sowie die Bauform des „Salzburger Flachgauhofs". Sprachwissenschaftler orteten außerdem die letzten Reste des alten Salzburger Dialekts im Gebiet des Rupertiwinkels. Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union und das Inkrafttreten des Schengener Abkommens haben die Pflege der Verbindungen zwischen dem Rupertiwinkel und dem Land Salzburg wesentlich erleichtert. Auch die EuRegio Salzburg-Berchtesgadener Land-Traunstein leistet in dieser Hinsicht wertvolle Arbeit.

Siehe auch:

Bayern und Salzburg und Erzbistum Salzburg - Bayerische Kirchenprovinz

Literatur

EuRegio Salzburg-Berchtesgadener Land- Traunstein: Heimat mit Geschichte und Zukunft, 2004 http://www.heimatkundeverein-reichenhall.de/weiterepublikationen.html

Koller/Rumschöttel (Hrsg.): Vom Salzachkreis zur EuRegio, Bayern und Salzburg im 19. und 20. Jahrhundert, Generaldirektion der staatlichen Archive Bayerns/ Salzburger Landesarchiv 2006

Helga Reindel-Schedl: Laufen an der Salzach, Die alt-salzburgischen Pfleggerichte Laufen, Staufeneck, Teisendorf, Tittmoning und Waging, Historischer Atlas von Bayern, Altbayern Heft 55

Hannes Scheutz (Hrsg.): Drent und herent, Dialekte im salzburgisch-bayerischen Grenzgebiet, EuRegio Salzburg-Berchtesgadener Land-Traunstein 2007

Christian Soika (Hrsg.): Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Band 5, Der nördliche Rupertiwinkel, Landkreis Traunstein 1990

Rainer Wilflinger: Grenzverlauf und Grenzsituation zwischen dem Erzstift Salzburg und Bayern im Bereich des nördlichen Rupertiwinkels, in: Das Salzfass, Historischer Verein Rupertiwinkel, 2002/Heft 2

Links

Historischer Atlas von Bayern: Laufen [3]

Vertrag von Erharting vom 20. Juli 1275: 1275

Historischer Verein Rupertiwinkel, Laufen: [4]

Rupertiwinkler Bauernhofmuseum, Hof bei Kirchanschöring: [5]


Bearbeitung: Andreas Hirsch