Schöpfwerkkette

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Kettengeschöpf nach Georg Agricola (1556) und Kette des früheren Schöpfwerks in der Alten Saline Bad Reichenhall

Seit Menschengedenken hatten an der Reichenhaller Saline so genannte „Vaher“ (Schöpfknechte) mittels Schöpfgalgen Salzwasser aus dem Brunnenschacht geholt und durch Holzrohre zu den Siedehäusern geleitet. Dort wurde die Sole in den Pfannen erhitzt und verdampft, bis ein Salzbrei übrig blieb, den man trocknete. Die seit dem Hochmittelalter im Wesentlichen unveränderte Fördertechnik galt im 15. Jahrhundert als vollkommen veraltet. Aufgrund des enormen Konkurrenzdrucks auswärtiger Salinen musste die Leistungsfähigkeit des Solebrunnens jedoch dringend erhöht werden. Daher engagierte man den „Salzkünstler“ Erhard Hann von Zabern, der 1438 ein von einem 9 m hohen Wasserrad angetriebenes Kammrad installierte, über das eine Endloskette mit angehängten Ledereimern lief. Die für das „Paternosterwerk“ nötige Energie lieferte künstlich aus dem Lattengebirge zum Solebrunnen geleitetes Aufschlagwasser. Die 32 alten Siedestätten fasste man zu 16 größeren Sudhäusern zusammen. Durch diese und weitere Rationalisierungsmaßnahmen verloren etwa dreihundert Menschen ihre Arbeit, was zu einer Arbeitslosenquote von 27 Prozent in Reichenhall führte. Das ohnehin von Spannungen geprägte Verhältnis zwischen Arbeitern und Siedeherren verschlechterte sich damit dramatisch. Im Jahre 1440 kam es zu Streiks, die von allen Werktätigen der Stadt unterstützt wurden. Herzog Georg der Reiche kaufte ab 1481 nach und nach alle Siedeanlagen auf, da das Salzwesen einen wesentlichen Teil der bayerischen Wirtschaft darstellte und die Siedeherren finanziell nicht in der Lage waren, die dringend notwendigen Investitionen zu tätigen. Der heute als Bildhauer bekannte Erasmus Grasser (1450-1518) plante eine neue 14 Meter tiefe Einfassung des Brunnenschachts aus Marmor und installierte im Auftrag des Herzogs 1507 ein verbessertes „Kettengeschöpf“ anstelle des alten Hebewerks. Das neue Schöpfwerk bestand aus fünf Ketten mit jeweils 68 Pauschen (Metallplatten mit einem Durchmesser von 9 cm), welche die Sole durch senkrechte Röhren aus dem 14 m tiefen Schacht emporhoben. Die Ketten waren 40 m lang und 400 kg schwer. Die Anlage bewährte sich und bestand im Wesentlichen bis zum Brand von 1834, dem die Salinenanlagen und fast die gesamte Stadt zum Opfer fielen. Im Zuge des Wiederaufbaus wurde auf Befehl König Ludwigs I. das bis heute in Betrieb stehende Solehebewerk mit zwei 13 m hohen Wasserrädern und zehn Pumpen errichtet.

Das Bayerische Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat sowie das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst haben 2018 bei dem Wettbewerb „100 Heimatschätze“ hundert nichtstaatliche Museen in ganz Bayern ausgezeichnet. Dazu gehörte auch die „Alte Saline“ in Bad Reichenhall, die sich mit einer historischen Kette des früheren Schöpfwerks beteiligte.

Literatur:

Fritz Hofmann, Frieder Jentsch, Salz Macht Geschichte (Katalog Bayerische Landesausstellung 1995), S. 21-22, 50

Johannes Lang, Geschichte von Bad Reichenhall, 2009, S. 280-288, 359 ff.

Bearbeitung: Andreas Hirsch