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Untersberg-Sagen

Illustration mit Untersberg-Sagen, 1887, ReichenhallMuseum
Titel der Erstausgabe "Sagen der Vorzeit" Brixen 1782

Zwischen Bad Reichenhall und Salzburg liegt der Untersberg. Bekannt gemacht haben ihn sein weit verzweigtes Höhlensystem und die zahlreichen Sagen, die sich um den Berg ranken. Woher kommt der Mythos Untersberg?

Der Untersberg gilt heute als einer der sagenreichsten Berge der Alpen, und dieser große Sagenschatz geht, wissenschaftlich nachgewiesen, auf die so genannte Lazarus-Geschichte zurück. Als junger Mann war Johannes Lang, Stadtheimatpfleger von Bad Reichenhall, auf diese Erzählung gestoßen. Seither hat sie ihm keine Ruhe gelassen. Denn anders als andere Sagen ist diese sehr genau in den Details. Lang vermutete deshalb schon bald, dass es sich um eine Geschichte handelt, die einen konkreten Verfasser hat.

In der Sage wird Lazarus Gitschner, ein Gehilfe des Reichenhaller Stadtschreibers, auf den Untersberg geschickt. Dort soll er geheimnisvolle Zeichen abschreiben. Eine Gruppe von Reichenhaller Bürgern hatte diese Zeichen auf einer Felswand am Berg entdeckt. Oben am Berg begegnet Lazarus einem barfüßigen Mönch. Der führt ihn in den Berg hinein - in eine himmlisch-jenseitige Welt, in eine Kirche mit 300 Altären, 30 Orgeln und 300 Mönchen. Dort scheint die Zeit aufgehoben. Nachts wird Lazarus mitgenommen auf unterirdische Wallfahrten: Eine führt ihn unter dem Königssee hindurch nach St. Bartholomä. Eine andere in den Salzburger Dom. Im Berg begegnet Lazarus auch dem deutschen Kaiser, der mit anderen Fürsten über eine Wiese schreitet. Der Mönch zeigt ihm dann, wo dieser Kaiser die letzte, fürchterliche Schlacht schlagen wird: am Walserfeld. Lazarus darf nun heimgehen, mit der Auflage, zu schweigen und erst nach 35 Jahren alles aufzuschreiben.

Ursprung und Verbreitung

Die Geschichte ist um 1558 vermutlich im Augustiner-Chorherrenstift St. Zeno bei Reichenhall entstanden. Einzelne Erzählmotive hat der geistlich gebildete Verfasser der Vision der Mechthild von Magdeburg (aufgezeichnet im 13. Jahrhundert) und der geheimen Offenbarung des Evangelisten Johannes (Offb 6,15 EU) entnommen. Zum Vorbild hat der Verfasser sich auch das 24. Kapitel (Weltuntergangskapitel) des Matthäus-Evangeliums genommen (Mt 24,32-33 EU). Auf diese Vorbilder gehen die Entrückung ins Innere eines Berges, der Kaiser im Untersberg sowie der Birnbaum und die Endschlacht auf dem Walserfeld zurück. Diese Motive wurden vom Verfasser mit älteren Sagenmotiven vermischt und in seine Umgebung (unter anderem den Untersberg) verlegt. So sind mit dem Kaiser Karl im Untersberg Karl V. (1519–1556), mit Kaiser Friedrich ursprünglich Friedrich III. (1440–1493) oder später – je nach Entstehungszeitpunkt der unterschiedlichen Sagenversionen – entweder Friedrich I., genannt Barbarossa oder Friedrich II. gemeint. Der unbekannte Verfasser schuf mit der Lazarusgeschichte eine zu seiner Zeit aktuelle Apokalypse, die als typisch für die Endzeitstimmung in der Reformationszeit angesehen werden kann.

Es gibt verschiedene schriftliche Fassungen, da die Geschichte immer wieder abgeschrieben wurde. Sie wurde aber auch mündlich weitererzählt und immer weiter ausgeformt. „Hier haben wir tatsächlich eine Prosaschrift, die ganz anders gestrickt ist, als andere Sagen. Da geht es um Aktion, da geht es um unheimliche Gestalten, mit denen man zusammentrifft, wir müssen uns vor Augen führen, dass die Menschen damals nicht reizüberflutet waren, und so eine Geschichte, die berührte jeden“, so Lang.

Aufgenommen von den Gebrüdern Grimm

Entscheidend wird, was über 200 Jahre später passiert: Ein unbekannter Verfasser veröffentlicht 1782 in Brixen ein Büchlein mit dem Titel „Sagen der Vorzeit“, oder „ausführliche Beschreibung von dem berühmten Salzburgischen Untersberg oder Wunderberg“, später auch „Brixener Volksbuch“ genannt. Das Heft enthielt, in leicht abgewandelter Form, auch die Lazarus-Geschichte, und wurde zum Verkaufsschlager. Als sich wenige Jahrzehnte später die Gebrüder Grimm daran machten, deutsche Sagen zu sammeln, nahmen sie dankbar die Erzählungen aus diesem Büchlein auf. Seither gehört der Kaiser im Untersberg, später abgewandelt zu Karl dem Großen, zum Standard der deutschen Sagen, und die große Schlacht am Walserfeld, der Kampf zwischen Gutem und Bösem, ist der Grundstock für viele ähnlich gelagerte Erzählungen.

Zeitlöcher und ein verklärtes Sagenbild

Sagen und Mythen werden oft als Erbe der Kelten- oder Germanenzeit gesehen. Als etwas überzeitlich Wahres. Am Untersberg ist aus dem Sagenschatz sogar eine esoterisch-mystische Bewegung entstanden: So ist immer wieder die Rede davon, es gebe am Untersberg eine „Anderswelt“ oder „Zeitlöcher“, in die man plötzlich eintaucht. Lang: „Unser Sagenbild, das wir so landläufig haben, ist ein komplett verklärtes. Verklärt durch die Gebrüder Grimm, auch verklärt durch den Nationalsozialismus. In Wirklichkeit haben diese Sagen keinen altgermanischen Ursprung, auch keinen keltischen Ursprung, sondern in der Regel sind die Geschichten nicht älter als 300, 400, maximal 500 Jahre.“

Link:

Das Geheimnis des Untersbergs (Bayerisches Fernsehen) [1]

Literatur:

Angerer der Jüngere, Johannes Lang, Sagenbuch des Reichenhaller Landes, Bad Reichenhall, 2018

Johannes Lang, Geschichte von Bad Reichenhall, 2009


Siehe auch: Michael Holzegger im Untersberg (Sage)


Bearbeitung: Andreas Hirsch