Vor- und frühgeschichtliche Stätten - Karlstein (Bad Reichenhall)

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Karlstein ist ein Stadtteil von Bad Reichenhall und bekannt für seine vorgeschichtlichen Stätten. Das Fundmaterial aus seinen Karlsteiner Grabungen diente dem renommierten deutschen Archäologen Paul Reinecke (1872- 1958) als Grundlage für dessen 1911 entworfenes Chronologie-Schema und die Typologie der Epoche „Spät-Latène D“ (ca. 150 – 15 v. Chr.), die bis heute in ganz Mitteleuropa als wichtige Grundlage genutzt wird.

Karlsteiner Hochtal mit Pankrazkirche und Burgruine Karlstein
Infotafel, Archäologische Funde im Karlsteiner Hochtal
Blick vom bronzezeitlichen Opferplatz am Langacker ins Alpenvorland


Vorgeschichtliche Siedlung im Karlsteiner Hochtal

In der Nähe der Burgruine Karlstein und der Kirche St. Pankraz liegen der Haiderburgstein und der Moserburgstein. Diese Erhebungen waren in vorgeschichtlicher Zeit geeignete Rückzugsorte bei feindlichen Überfällen und sicher bei Überschwemmungen. Dort kreuzten sich auch drei überregional bedeutsame Handelswege: Einer führte aus den Alpen an der Südflanke des Staufengebirges ins Alpenvorland. Einer lief über den Jochberg in den Chiemgau. Ein dritter schließlich auf der Saalach-Hochterrasse über Marzoll und den Walserberg ins Salzburger Becken.

Funde im Bereich der heutigen Schmalschlägerstraße deuten an, dass bereits in der Jungsteinzeit der Höhenrücken in Karlstein besiedelt war. Dort traten Steinbeile, Feuersteinspitzen und –messer zutage. Auch Relikte der Glockenbecherkultur (ca. 2550 – 2000 v. Chr.) fanden sich an diesem Ort. In der Bronzezeit entwickelte sich um 1900 v. Chr. im Karlsteiner Hochtal ein metallurgisches Zentrum, wo aus Kupfer und Zinn Bronze hergestellt wurde. Das Kupfer stammte wohl vom Mitterberg bei Bischofshofen und aus dem Inntal, das Zinn aus den deutschen Mittelgebirgen, etwa dem Erzgebirge. Aus dieser Zeit sind hölzerne Wohngebäude gefunden worden. Bronzene Sicheln deuten auf Ackerbau und Feldwirtschaft hin. Außerdem gibt es Hinweise auf die Haltung von Rindern und Schweinen. Bestattungen der Frühen und Mittleren Bronzezeit wurden ebenfalls entdeckt.

Aus der Urnenfelderzeit (1200 – 750 v. Chr.) haben sich Reste von Wohnbauten, Bronzeschlacken und Gusskuchen erhalten, die eine Metallverarbeitung belegen. Die zugehörigen Bestattungen waren als Urnengräber angelegt. In der Frühen Eisenzeit (Hallstattzeit) war der Ort nur noch spärlich besiedelt. Die wenigen Funde machen einen tiefen Einschnitt in der Siedlungskontinuität deutlich.

In der Spät-Latènezeit (Kelten) entwickelte sich wieder ein überregional bedeutender Handelsknotenpunkt. Es wurden Blockbauten auf Steinfundamenten ausgegraben, die bis zu 20 Meter lang waren und Feuerstellen in der Mitte besaßen. Die Bauten waren je von einem Hof umgeben, was auf Viehhaltung und handwerkliche Tätigkeit hinweist. Ambosse für feine Schmiedearbeiten, Werkzeuge zur Lederbearbeitung, Zimmermannswerkzeuge und landwirtschaftliche Geräte wurden gefunden. Weingefäße und ein Weinsieb belegen wirtschaftliche und kulturelle Kontakte mit dem Mittelmeerraum. Im Karlsteiner Hochtal wurde das „Karlsteiner Kleinsilber“ hergestellt. Das sind Münzen mit einem Durchmesser von 8 mm, die teilweise die „Kugelpferd-Prägung“ erhielten. Diese Münzen wurden im gesamten Ostalpenraum bis nach Slowenien gefunden. Es wird daher eine Haupt-Handelsroute von Karlstein nach Südosten in dieser Epoche vermutet. Üblicherweise war die Münzprägung den Zentralorten vorbehalten. Die spätkeltische Siedlung wurde am Beginn des 1. Jahrhunderts nach Christus aufgegeben. (Schmalschlägerstraße)


Brandopferplatz am Langacker

Am oberen Ende des Langackers befand sich ein ovaler Hügel, der etwa 4 m hoch, 32 m lang und 24 m breit war. 1891 wurde er archäologisch erforscht und abgetragen. Auf einem aus Steinen errichteten kreisrunden Opferaltar lag eine Schicht aus Holzkohle und Asche, vermischt mit Tierknochen. Darüber eine Schicht verbrannter Tierknochen und Scherben von Gefäßen. Dazu wurden etwa 150 Gegenstände aus der Mittleren bis Späten Bronzezeit gefunden (Angelhaken, Spinnwirteln, Schmuck). Der Opferplatz wurde in der Zeit zwischen 1500 und 1200 vor Christus genutzt. Vermutlich baten die Menschen der Bronzezeit dort höhere Mächte um Schutz und Hilfe vor dem beschwerlichen Weg ins Gebirge. Der Opferplatz lag nämlich an einem Saumweg, der vom Flachland ins Gebirge führte und sich an dieser Stelle gabelte: Der eine Weg führte durch die „Garnei“ und am Thumsee vorbei in den Pinzgau, der andere über den Jochberg in den Chiemgau. Ein weiterer Opferplatz befand sich in der Nähe auf dem Eisenbichl. (Bruckthal/Zwieselstraße)


Römische Siedlung mit Friedhof am Langacker

Am unteren Ende des Langackers hatten bereits während der Spät-Latènezeit Wohnstätten bestanden. Die Römer errichteten an dieser Stelle eine Siedlung, von der sieben Bauten ausgegraben wurden. Zum Teil waren sie mit Hypokaust-Heizungen ausgestattet. Der zugehörige Friedhof lag in der Nähe neben der Straße. Für einen Zeitraum von 200 Jahren ließen sich dort über 400 römische Bestattungen nachweisen. Archäologische Ausgrabungen erfolgten in den 1890er Jahren und 1966. Eine weitere Forschung, Bearbeitung und Interpretation steht noch aus. (Fischzuchtstraße)


Frühmittelalterlicher Friedhof in Kirchberg

In der Nähe der heutigen Predigtstuhlbahn im Ortsteil Kirchberg wurden in den 1880er Jahren über 500 Gräber aus dem 6. bis 8. Jahrhundert nach Christus ausgegraben. Dabei hat man christlich-romanische und heidnisch-bajuwarische Bestattungen gleichermaßen entdeckt. Sie sind ein Hinweis darauf, dass im Reichenhaller Tal bis zum Ende des 8. Jh. eine romanische Minderheit lebte, die dann im Stamm der Bajuwaren aufgegangen ist. (Kiblinger Straße)


Siehe auch: Römersteine http://iuvavum.org/php/ort.php?id=485

Literatur

Andrea Krammer: Kelten, Römer und Bajuwaren. Führer zu den vor- und frühgeschichtlichen Stätten im Reichenhaller Raum, Bad Reichenhall 2012

Johannes Lang: Geschichte von Bad Reichenhall, 2009


Bearbeitung: Andreas Hirsch